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Chronik der Panzergrenadierbrigade 16 HERZOGTUM LAUENBURG

Gelöbnis von Soldaten der Panzergrenadierbrigade 16
Gelöbnis von Soldaten der Panzergrenadierbrigade 16

Ost-/Westkonflikt und Eiserner Vorhang,Westintegration der Bundesrepublik, Wiederbewaffnung beider deutscher Teilstaaten in den Militärbündnissen NATO und Warschauer Pakt, Konfrontation in und um Deutschland: Diese Stichworte kennzeichnen die spannungsgeladenen außenpolitischen Rahmenbedingungen und den daraus resultierenden innenpolitischen Meinungsstreit während der Aufbaujahre der Panzergrenadierbrigade 16. Heute beschreiben diese Stichworte Vergangenes; die heute so völlig gewandelte politische Realität hat tief greifende Veränderungen bewirkt - so auch die Auflösung unserer Brigade. Die Geschichte der Panzergrenadierbrigade 16 beginnt mit dem Aufstellungsbefehl Nr. 98 (Heer) - Az 10-30-25 vom 6.11.1957. Mit dieser „Geburtsurkunde“ beauftragt der Führungsstab des Heeres das 1. Korps, die Kampfgruppe A 6 ab 2.1.1958 in Flensburg aufzustellen.

 

Das Vorkommando trifft im März 1958 in Flensburg ein und übernimmt die neuen Kasernenanlagen in Flensburg-Weiche. Dort beginnt ab April 1958 die Aufstellung der Kampfgruppe A 6 unter dem Kommando von Oberst Jürgen Bennecke. „Mit Freude und Herzlichkeit begrüßt die Stadtverwaltung Flensburg Sie heute als ihre jüngsten Bürger....“; mit diesen einladenden Worten beginnt die erste Ansprache des Oberbürgermeisters der Stadt Flensburg, Herrn Andresen, vor den Soldaten der Kampfgruppe A 6, die sich an einem Sonntagmittag im Frühjahr 1958 mit 600 Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaftssoldaten auf dem Südermarkt in Flensburg erstmals der Öffentlichkeit vorstellen. Nach den höchst kontroversen, teils verunglimpfenden parlamentarischen Debatten der letzten Jahre um die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland sehen sich jetzt die Kampfgruppensoldaten der noch so jungen Bundeswehr mit ihren Familien in Flensburg herzlich aufgenommen. Oberbürgermeister Andresen hatte den Soldaten nicht zu viel versprochen: Die Truppenteile der Brigade berichten an anderen Stellen in diesem Buch über die ausgezeichneten Kontakte der Soldaten mit der Bevölkerung in Flensburg, Husum und Schleswig während der gesamten Dauer der Stationierung in diesen Städten und in deren Umfeld. Namens der ersten Soldaten der Brigade noch einmal Dank an die Bürger im Norden Schleswig-Holsteins, die uns, wie Oberbürgermeister Andresen in Flensburg, damals so herzlich aufgenommen haben! Gerade in jenen frühen Jahren der Bundeswehr war dies nicht selbstverständlich. Der Aufbau der Brigade in der Heeresstruktur 1 als Kampfgruppe A 6 orientiert sich an den Gliederungsformen der Wehrmacht in den letzten Kriegsjahren. Bis zur Kommandoübernahme der 6. Panzergrenadierdivision im März 1959 bleibt die Kampfgruppe A 6 zunächst noch der 3. Panzerdivision in Buxtehude unterstellt. Die „Männer der ersten Stunde“ betreiben zügig den Aufbau der Truppenteile mit der Vorgabe, bereits im Dezember 1958 als Kampfgruppenverband einen ersten Truppenübungsplatzaufenthalt durchzuführen.

Einmarsch von Truppenfahnen
Einmarsch von Truppenfahnen

Schon nach dieser kurzen Aufbauzeit besuchen dann Verteidigungsminister Dr. Strauß und der Kommandeur der alliierten Streitkräfte Nordeuropas, Generalleutnant Sir Murray, die Kampfgruppe auf dem Truppenübungsplatz BERGEN HOHNE. Die im Verlauf des Jahres 1958 eingenommene Gliederung der Heeresstruktur 1 ist nur von kurzer Dauer: Bereits 1958 wechselt die Kampfgruppe A 6 bei gleichzeitiger Umbenennung in Panzergrenadierbrigade 16 in die Heeresstruktur 2, wird - seit 1970 nach der Heeresstruktur 3 gegliedert - aus den Standorten Flensburg und Schleswig verlegt in die Standorte Wentorf bei Hamburg und Elmenhorst im Kreis Herzogtum Lauenburg, wächst - nach Einnahme der Heeresstruktur 4 ab 1981 - zur größten Brigade des deutschen Heeres auf, führt - ab 1992 - unter Zusammenlegung der Infanterieverbände der Brigade nach dem Heeresmodell 5 einen weitreichenden Rückbau der Friedenspersonalstärke durch und erhält schließlich am 15.12.1992 die Auflösungsentscheidung.

Über die vielfältigen Unterstellungswechsel der Truppenteile unter das Brigadekommando bis zum Stand der Einnahme der Heeresstruktur 4 im Jahr 1981 hat Oberstleutnant Günter Kallweit in dem Buch „Panzergrenadierbrigade 16 - Herzogtum Lauenburg - 30 Jahre im Dienst für den Frieden -“ im Jahr 1988 ausführlich geschrieben. Die dort aufgezeigte wechselvolle Zugehörigkeit von Truppenteilen zur Brigade, mit einem allmählichen Anwachsen, schließlich voller Entfaltung ihrer Kampfkraft nach personeller Stärke und materieller Ausstattung in der Heeresstruktur 4, erklärt sich aus der Veränderung des Einsatzauftrages der Brigade über die Jahre. Für alle Verbände der Bundeswehr änderte sich der militärische Auftrag im Laufe der 60er Jahre grundlegend. Tiefere Ursache war die militärstrategische Abkehr des Nordatlantischen Bündnisses vom Konzept der Massiven Vergeltung im Übergang zum Konzept der Flexiblen Reaktion. Diesem neuen Konzept folgend, wurden gerade den Verbänden des Feldheeres im Rahmen der Vorneverteidigung grenznahe Einsatzräume zugewiesen.

 

Auch unsere Brigade wurde folgerichtig aus dem Norden Schleswig-Holsteins in den Kreis Herzogtum Lauenburg unmittelbar an die Innerdeutsche Grenze verlegt. Was in den 70er und 80er Jahren so selbstverständlich mit den Bündnispartnern gemeinsam als grenznahe Verteidigung geplant, geübt und von den Bürgern im grenznahen Bereich weithin akzeptiert wurde, war während der Aufbaujahre der Brigade weder im Bündnis politisch vorstellbar, noch wäre es mit den verfügbaren militärischen Kräften der Bundesrepublik realisierbar gewesen. Unmittelbar nach Umgliederung in die Heeresstruktur 2 bereitet sich die Panzergrenadierbrigade 16 auf die Teilnahme an der bis zu diesem Zeitpunkt größten NATO-Übung im Bundesgebiet vor. In der Gefechtsübung HOLD FAST stehen sich im September 1960 40.000 britische, dänische, kanadische, belgische und deutsche Soldaten mit „Volltruppe“ in den Gefechtsparteien BLAU und ORANGE gegenüber. Die Presseberichterstattung lässt deutlich erkennen, wie sehr alle beteiligten Soldaten der Alliierten und der Bundeswehr, aber auch Politiker, Bevölkerung und Presse vor einer ganz neuen Aufgabe stehen: Verteidigung des Nordatlantischen Bündnisses mitten in Deutschland, mit der Bundesrepublik Deutschland als Bündnispartner; aber: Deutschland ist Kriegsschauplatz. Die ambivalenten Gefühle der früheren Kriegsgegner sind heute aus den Presseberichten ablesbar: Hochachtung vor dem professionellen Gefechtseinsatz britischer Soldaten, Berichte über Atomschläge beider Gefechtsparteien als „Salz zur Manöversuppe“, Enttäuschungen der Manöverzuschauer über den „minimalen Lärm der Düsenjäger“, aber auch der kaum bemerkte Besuch des dänischen Königs Frederik bei einem übungsbeteiligten britischen Regiment „The Buffs“ in Hadersleben sowie die freundliche Aufnahme der alliierten Soldaten durch die Bevölkerung und die freudige Überraschung gerade der dänischen Soldaten über diese unerwartete Stimmung bei den Menschen in Schleswig-Holstein, ziehen sich durch die Presseberichterstattung. Die 6. Panzergrenadierdivision steht Anfang der 60er Jahre vor der gewaltigen Aufgabe, die Gefechtskraft aller Truppenteile, insbesondere durch die Einführung von leistungsfähigeren Gefechtsfahrzeugen in den Verbänden aller Truppengattungen, zu steigern. Damit ist ein umfassendes Umschulungsprogramm für die Führer und Ausbilder aller Führungsebenen sowie die Weiterbildung des Fachpersonals der Materialwirtschaft, insbesondere des technischen Personals, verbunden. Für jede Armee ist eine derartige Aufgabe eine große Herausforderung, für eine Wehrpflichtarmee allemal. So entschließt sich die 6. Panzergrenadierdivision, die allgemeine Grundausbildung für den Bereich der gesamten Division in einer Brigade zusammenzufassen und erteilt der Panzergrenadierbrigade 16 für den Zeitraum 1960 bis 1964 den Auftrag, den Großteil aller Rekruten der Division - in 17 Einheiten - auszubilden.

SPz Marder aufgefahren in der Bose-Bergmann-Kaserne
SPz Marder aufgefahren in der Bose-Bergmann-Kaserne

Auf die Ausstattung der Brigade mit Schützenpanzern wird vorerst verzichtet. Von jetzt an fahren alle Rekruten der 6. Panzergrenadierdivision weit in den hohen Norden. Für die vielen Wehrpflichtigen der Division aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet ist dies der denkbar weiteste Weg zum Dienstort; Heimfahrten mit ICE, Intercity oder eigenem Kraftfahrzeug waren in diesen frühen Jahren für niemanden vorstellbar.

 

Wir Berufssoldaten - und wohl auch die Bürger in unseren Standorten - haben es über Jahrzehnte als ganz selbstverständlich angesehen, dass viele wehrpflichtige junge Männer ihren Grundwehrdienst weit entfernt vom Heimatort in unseren Truppenteilen geleistet haben. Was Statistiker in ihrer nüchternen Sprache als Folge bevölkerungspolitischer Asymmetrie definieren, bedeutete für die bei uns heimatfern wehrdienstverpflichteten jungen Männer, insbesondere aus Nordrhein-Westfalen, die Trennung von Familie und Freunden, zeitweilige Herauslösung aus dem sozialen Umfeld - gelegentlich auch die Trennung von Ehefrau und Kindern in der Phase der Familiengründung. Die Umfangszahlen der heimatfern Einberufenen lassen sich ab Umgliederung in die Heeresstruktur 3, also ab Zeitpunkt der Verlegung der Brigade in den Kreis Herzogtum Lauenburg, recht genau ermitteln: Von zunächst etwa 50 % aller Grundwehrdienstleistenden in den 70er Jahren sank der Anteil der Soldaten aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet bis 1985 auf etwa 38'%. Dieser Anteil blieb bis Ende 1990 konstant.

 

Nach Wiederherstellung der deutschen Einheit wurden auch Soldaten aus Mecklenburg-Vorpommern und Berlin (18 %) zur Brigade einberufen. Entsprechend sank der Anteil unserer Grundwehrdienstleistenden aus dem „Kohlenpott“. Insgesamt haben damit im Kreis Herzogtum Lauenburg von 1970 bis zur Auflösung der Brigade 1994 mehr als 35.000 junge Männer aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet ihren Beitrag zur Landesverteidigung geleistet. Dank noch einmal an die Adresse dieser vielen jungen Bürger, die weithin klaglos jeden Freitag - möglichst ab 12.15 Uhr - aus unseren Kasernen über Hamburg-Hauptbahnhof nach Essen, Recklinghausen oder in irgendein kleines Eifeldorf geeilt sind, um dann bereits am späten Sonntag mit der (aller-)letzten Bahnverbindung wieder in Wentorf bei Hamburg oder Elmenhorst einzutreffen. Die Wehrpflicht war unsere große Stärke. Zweifel an der Professionalität der Truppe mit Blick auf den „Ernstfall“ haben Insider niemals gehegt. Bei den jährlichen Großverbandsübungen der Brigade, aber auch bei internationalen Wettbewerben und bei Katastropheneinsätzen haben wir das großartige Leistungsvermögen unserer Wehrpflichtigen und ihre Leistungsbereitschaft - im Grundwehrdienst genauso wie bei Wehrübungen - bei allen aktiven Truppenteilen und im Feldersatzbataillon der Brigade immer wieder erleben dürfen. Gerade im Kreis Herzogtum Lauenburg, unmittelbar an der Innerdeutschen Grenze, fand die Legitimation militärischen Dienens angesichts der Metallgitterzäune, Minenfelder und Wachtürme die grundsätzliche Zustimmung unserer Wehrpflichtigen.

Neujahrsempfang im Schleswig-Holstein-Saal des Offiziersheims
Neujahrsempfang im Schleswig-Holstein-Saal des Offiziersheims

Im Jahr 1962 fordert die größte Sturmflut seit Menschengedenken die Panzergrenadierbrigade 16 das erste Mal im Katastropheneinsatz; spätere Einsätze werden folgen. In der Nacht zum 17.2.1962 brechen die Deiche an der deutschen Nordseeküste. Allein in Nordfriesland sind die Deiche auf einer Gesamtlänge von 70 km überflutet. Riesige Landflächen bis weit in das Hinterland sind vom sturmgepeitschten Nordseewasser bedeckt. Über Nacht geraten viele tausend Menschen ohne Vorwarnung in äußerste Gefahr für Leib und Leben. Zum ersten Mal seit 1936 wird in den Landkreisen Husum, Eiderstedt und Süderdithmarschen wieder ein Katastrophenalarm ausgelöst. Gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen stellt sich die Panzergrenadierbrigade 16 sofort mit allen Kräften zur Verfügung. Sie wird in den Landkreisen Husum und Eiderstedt eingesetzt. Fast eine Woche stehen die Soldaten der Brigade bei Arbeits- und Rettungseinsätzen - unterstützt von Pioniergerät, Sanitäts- und Transportfahrzeugen der Truppe - pausenlos im Einsatz, helfen mit den Fernmeldemitteln der Truppenteile den Einsatz anderer beteiligter Hilfsorganisationen zu koordinieren und retten viele Menschen vor der großen Flut. In der Stunde der größten Not an der Küste hat sich die Truppe auch in den Augen der heimischen Bevölkerung im selbst-losen und bedingungslosen Einsatz außerordentlich bewährt; das gute Verhältnis zur Bevölkerung im Norden Schleswig-Holsteins wird dadurch weiter vertieft. Mehrere hundert Soldaten der Brigade werden von der Landesregierung Schleswig-Holstein mit der „Sturmflutmedaille“ ausgezeichnet. Während der Jahre als Ausbildungsgroßverband der Division führt die Brigade bis 1964 zugleich die Aufstellung des Panzerbataillons, des Panzerartilleriebataillons und seines Feldersatzbataillons durch, löst die Panzeraufklärungskompanie auf und gliedert Teile dieser Einheit in die Stabskompanie der Brigade ein. Das Führerkorps der Brigade bereitet sich besonders durch Planübungen und Teilnahme an Stabsrahmenübungen für einen künftigen Auftrag als Einsatzbrigade vor; dieser wird ihr ab 1965 wieder erteilt. Kampfwertsteigerungen durch Umrüstung auf den Kampfpanzer M 48 (ab 1966) und auf die Panzerhaubitze M 109 G (1967) sowie die Teilnahme an den NATO-Gefechtsübungen BIG BRISK (1967) und LAND ROVER (1968) mit Volltruppe heben nach Erhalt des Einsatzauftrages den Gefechtswert der Brigade, schaffen die Voraussetzungen, sie alsbald im Zuge des Konzeptes der Vorneverteidigung aus der räumlichen Tiefe des nördlichen Schleswig-Holsteins nach vorn, unmittelbar an die Innerdeutsche Grenze, zu verlegen.

 

Unmittelbar nachdem die neuen Kasernenanlagen in Elmenhorst bezugsfertig sind, trifft das Panzerbataillon 164 im Oktober 1969 als erster Verband der Brigade im Kreis Herzogtum Lauenburg ein; Brigadekommando und Stabskompanie folgen im April 1970. Den „Schließenden“ bildet das Panzerartilleriebataillon 165. Mit seinem Abmarsch aus Schleswig im November 1972 wird die Verlegung der Brigade nach Wentorf bei Hamburg und Elmenhorst Ende 1972 abgeschlossen. Die 60er Jahre waren Jahre voller Unruhe für alle Bürger der Bundesrepublik Deutschland - für die „Bürger in Uniform“ besonders, weil die politische Großwetterlage nicht nur den militärischen Alltag mitbestimmt, sondern auch tief in die familiäre Lebensführung der Soldaten eingreift. Kubakrise und Mauerbau in Berlin zu Beginn - Niederschlagen des „Prager Frühlings“ mit Besetzung der Tschechoslowakei am Ende des Jahrzehnts - waren herausragende Ereignisse, die zu sicherheitspolitischen Entscheidungen mit direkten Folgen für die Soldaten der Brigade geführt haben.

 

„Neuer Auftrag“ hieß für die Brigade: Strukturänderungen und umfassende Umrüstungen aller Truppenteile sowie Verlegung aller Verbände und selbstständigen Einheiten in neue Standorte. Gewaltiger organisatorischer Aufwand wurde geleistet, ein hohes Maß an Flexibilität bei allen Soldaten und zivilen Mitarbeitern war notwendig, aber auch den vielen betroffenen Ehepartnern der Soldaten, Beamten, Angestellten und Arbeitern der Brigade wurde viel abverlangt. Alle Familien wurden zur Aufgabe ihres vertrauten Lebenskreises gezwungen; Umzüge, Umschulungen der Kinder und Aufbau neuer sozialer Kontakte waren erforderlich - vielfach mit Opfern verbunden, die alle Beteiligten für den Erhalt des Friedens in Freiheit für unser Land sehr bewusst erbracht haben. Mit dem Verlassen der vertrauten Standorte im Norden Schleswig-Holsteins betreten alle Verbände der Brigade sprichwörtlich „Neuland“. Die Beziehungen der Truppenteile müssen neu aufgebaut, an den künftigen Standorten vertrauensvolles Miteinander erprobt werden. Diese Entwicklung beginnt zwischen den Einheiten der Brigade und vielen Gemeinden im Kreis Herzogtum Lauenburg. Gerade die Berufsunteroffiziere der Brigade knüpfen dabei dauerhaft tragfähige Verbindungen, schaffen erste Voraussetzungen für die später entstehenden Patenschaften auf kommunaler Ebene.

PzGrenBtl 162: Das Wentorfer Hausbataillon
PzGrenBtl 162: Das Wentorfer Hausbataillon

Den Einladungen der Brigade zu „Tagen der offenen Tür“ (erstmals ab 1972) folgen jeweils 15 bis 20.000 Bürger. Auch die „Woche der Öffentlichkeit“ zum Anlass des 20jährigen Bestehens der Brigade im Mai 1978 führt viele Besucher in die Kasernen nach Wentorf bei Hamburg und Elmenhorst. Zielgruppenorientierte Öffentlichkeitsarbeit für Kommunalpolitiker, Lehrer, Landwirte, Vertreter der Wirtschaft und der Gewerkschaften, besonders aber für die Schüler der umliegenden Schulen ergänzen ab 1975 die Einladungen für die allgemeine Öffentlichkeit. Feierliche Gelöbnisse in der Öffentlichkeit mit Großem Zapfenstreich werden ab 1975 (Mölln) im Zeitabstand von etwa 3 Jahren in den Städten und Gemeinden des Kreises unter starker Anteilnahme der Bevölkerung eindrucksvoll durchgeführt. Bei diesen würdevollen Veranstaltungen wird dem Führerkorps der Brigade durch die Teilnahme der Bevölkerung signalisiert, dass die breite Öffentlichkeit dem Konzept der Landesverteidigung grundsätzlich zustimmt, allen Soldaten in den Truppenteilen bewusst, dass sie in ihrer Heimat von der Bevölkerung akzeptiert werden, aber auch den jungen Wehrpflichtigen und deren zahlreich anwesenden Angehörigen das Empfinden vermittelt, dass der Soldat in seinem Dienst durch die heimische Bevölkerung menschlich geschätzt wird, sein Auftrag breite Zustimmung erfährt. Weit über das jeweilige Tagesereignis des Feierlichen Gelöbnisses hinaus, haben viele von uns diese Veranstaltungen mit und in der Öffentlichkeit als Zeichen der Zustimmung der „schweigenden Mehrheit“ unserer Bevölkerung zu Sinn und Zweck unseres militärischen Dienstes empfunden und gerade in Zeiten kontroversen sicherheitspolitischen Meinungsstreits dankbar aufgenommen.

Besonders bleibt allen Beteiligten das Feierliche Gelöbnis im September 1980 zu Mölln in Erinnerung: Im Dezember des Vorjahres hatte der NATO-Nachrüstungsbeschluss, der die Stationierung amerikanischer atomarer Mittelstreckenwaffen in Europa für den Fall vorsah, dass sich die - damalige - UdSSR nicht zum Abbau ihrer neuen SS 20-Raketen bereitfinden würde, eine außerordentliche Verschärfung des politischen Klimas in der Bundesrepublik zur Folge. Gegen die Bundeswehr wurde vielerorts auch gewalttätig demonstriert. In Bremen wurde der Bundespräsident nach einem Feierlichen Gelöbnis in der Öffentlichkeit mit dem Hubschrauber ausgeflogen, um das Staatsoberhaupt vor der Gewalt der „Friedensdemonstranten“ zu bewahren. In der Folgezeit erlebt auch die Brigade heftige Demonstrationen in Wentorf bei Hamburg. Der Protest auch angereister „Berufsdemonstranten“ wendet sich hauptsächlich gegen unser Panzerartilleriebataillon. In der aufgeheizten Stimmung ist der Ausgang des Feierlichen Gelöbnisses der Brigade im September 1980 nicht sicher vorherzusagen, aber die Bürger des Kreises Herzogtum Lauenburg halten zu „ihren“ Soldaten. In einem würdigen Festakt können unsere Rekruten am 12.9.1980 das Feierliche Gelöbnis unter starker Beteiligung der Öffentlichkeit völlig ungestört ablegen. Die Einbettung der Brigade in ihre neue Heimat hatte sich seit 1970 bis zum Ende der Heeresstruktur 3 im Jahr 1981 sehr positiv entwickelt, beide Seiten - Bürger und Soldat - hatten ein wohlwollendes Miteinander geschaffen, neue Beziehungen geknüpft und fortentwickelt. Patenschaften zwischen Städten und Gemeinden des Kreises und den Verbänden und Einheiten der Brigade besiegelten und vertieften dauerhaft das herzliche Einvernehmen. Die Dokumentation von Patenschaften begann bereits 1971 durch Austausch der Urkunden zwischen der Stadt Schwarzenbek und dem Panzerbataillon 164, entwickelte sich kontinuierlich fort bis zur letzten Begründung einer Patenschaft zwischen der Gemeinde Aumühle und der 2. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 162 im Mai 1991; im Laufe der Jahre wurden insgesamt 16 Patenschaften beurkundet. Einzelheiten berichten die Verbände und selbstständigen Einheiten in ihren eigenen Beiträgen zu diesem Buch.

 

Zu Beginn der 80er Jahre ist die Brigade ein Großverband des deutschen Heeres mit unverwechselbarer Identität. Der Einsatzauftrag ist für jedermann klar erkennbar, die überwältigende Mehrheit der heimischen Bevölkerung stimmt dem Verteidigungsauftrag der Brigade im Kreis Herzogtum Lauenburg grundsätzlich zu. Vermehrt verlassen die Soldatenfamilien die Bundeswehrsiedlungen und tauschen die Bundesdarlehenswohnungen gegen ein Häuschen auf dem Dorf. Der Nachbar von nebenan wertet dies als beruhigendes Signal für die sicherheitspolitische Lage, vertraut seinem neuen Nachbarn - und dem von ihm repräsentierten Verteidigungskonzept.

 

Mit der Umgliederung in die Heeresstruktur 4 ab 1981 soll vor allem die Führerdichte in den Truppenteilen erhöht werden, Regie- und Serviceaufgaben zusammengefasst, insgesamt die Führungsfähigkeit der Truppe im Gefecht gestärkt werden. Die Anzahl der im Gefecht zu führenden Soldaten und Kampffahrzeuge werden vor allem auf der Führungsebene Zug und Kompanie reduziert; Regieleistungen werden auf der Verbandsebene konzentriert. Auf der Führungsebene der Brigade tritt ein neues gemischtes Panzergrenadierbataillon hinzu, das sogenannte „Bataillon mit der Endnummer 1“. Es müssen schon fantasiebegabte Truppenpsychologen im Verteidigungsministerium diese „zu Herzen gehende“ - amtliche - Bezeichnung für die jetzt entstehenden Bataillone erdacht haben; ... sinnstiftend, verbindend..., insbesondere vor dem Hintergrund der Friedensunterstellung aller Einheiten und der aktiven Teileinheiten der Stabs- und Versorgungskompanie dieses neuen Bataillons unter die Kampftruppenbataillone der Brigade. Dennoch gelingt die Entwicklung einer eigenständigen Identität unseres neuen Panzergrenadierbataillons 161, weil die Offiziere und Unteroffiziere der Reserve auf das überzeugende persönliche Engagement des ersten stell-vertretenden Bataillonskommandeurs und S 3-Stabsoffiziers ihres neuen Bataillons mit großer Einsatzbereitschaft reagieren. Die Brigade wird außerdem beauftragt, in Wentorf bei Hamburg das Jägerbataillon 66 aufzustellen und im Frieden truppendienstlich zu führen. Der Ausbau der Jägertruppe im Bereich der 6. Panzergrenadierdivision wirkt der konzeptionellen Schwäche gepanzerter Verbände entgegen. Diese verfügen ja über nur wenige Soldaten im abgesessenen Kampf. Ein entscheidender Gesichtspunkt bei der Planung der Verteidigungsoperationen am Elbe-Lübeck-Kanal. Aus der Umgliederung in die Heeresstruktur 4 geht die Brigade auch personell gestärkt hervor: 3.720 aktive Soldaten leisten jetzt in den Standorten Wentorf bei Hamburg und Elmenhorst ihren Dienst, davon 1.850 (50'%x) Wehrpflichtige und 1.640 (44 %) Soldaten auf Zeit (SaZ 2-SaZ 15), die von 235 (6 %) Berufssoldaten geführt werden. Dem Offizierkorps der Brigade gehören jetzt 120 Offiziere an. Die personelle Stärke der Brigade wird im Verteidigungsfall durch Einberufung von Reservisten auf einen Gesamtumfang von 4.960 Soldaten angehoben; dieser Großverband steht bereit zur „Wacht am Elbe-Lübeck-Kanal“. Vereinfacht gesagt, bedeutet das Konzept der Vorneverteidigung für unsere Brigade: „Halten in jeder Lage und um jeden Preis“, und zwar am westlichen Ufer des Elbe-Lübeck-Kanals. Die Verwirklichung dieses „Festkrallens“ der Truppe unmittelbar an der Innerdeutschen Grenze ohne „Aufgabe von Räumen“ setzt auf Dauer die Billigung durch die Bevölkerung im Kreis Herzogtum Lauenburg voraus. Wenngleich Einzelheiten der operativen Planung nicht öffentlich erörtert werden können, ist vertrauensvolles Miteinander zwischen Truppe und Bevölkerung sowie die Einbindung der örtlichen Behörden in das konkrete Konzept der Vorneverteidigung unerlässlich; notwendiger denn je zuvor. Dieses weitere Werben um Vertrauen gelingt auch in schwierigen Fragen: etwa bei der baulichen Planung von Straßen oder Brückensprengschächten im Benehmen mit den zuständigen Baubehörden oder bei dem Befahren des Elbe-Lübeck-Kanals mit tiefwatfähigen Gefechtsfahrzeugen und Schwimmpanzern zur Gewässererkundung mit Hilfe des örtlich zuständigen Wasser- und Schiffahrtsamtes.

 

Hilfreich sind die vielen Kontakte, die bei den Brigadebällen oder bei den Neujahrsempfängen der Brigade (seit 1981) geknüpft werden. Die Brigadebälle begannen bereits im Jahr 1973, zunächst in - etwa - jährlicher Folge, ab 1984 endgültig im Abstand von 2 Jahren. Diese Feste entwickeln sich sehr schnell zu einem herausragenden gesellschaftlichen Ereignis für viele Mitbürger des ländlichen Umfeldes, des Kreises Herzogtum Lauenburg und des angrenzenden Hamburger Stadtrandgebietes; die Brigadebälle werben um die Besucher durch besonders fantasievolle Ausgestaltung der Festräume und die aufmerksame Gästebetreuung seitens der Offiziere der Brigade mit ihren Damen. Ganz unverwechselbar wird die Atmosphäre dieser Feste durch das Mitwirken unserer jungen Wehrpflichtigen, deren Einsatz als Ordonnanzen oder Helfer im Hintergrund, entscheidend mitgeprägt. Die wechselnden Leitgedanken der Brigadebälle waren jedes Mal erneut eine große Herausforderung für alle mit der Vorbereitung betrauten Offiziere und Unteroffiziere: Kreativität, Planungsvermögen und Improvisationsgeschick, aber auch harte Arbeit bis unmittelbar vor Eröffnung der Bälle waren Voraussetzungen für den Erfolg. Von 1974 bis 1992 wechselten die Leitgedanken von historischen Themen: „Spiegelsaal Friedrichs des Großen“ (1976) oder „Welt der Antike“ (1984), zu Themen der Gegenwart: „Unsere Partner im Bündnis“ (1983) oder „Deutsch-Dänische Partnerschaft“ (1990), bis schließlich ein Motto gewählt werden konnte, mit dem wohl niemand auf absehbare Zeiten gerechnet hatte: „Die neuen Bundesländer“ (1992). Mit den seit 1981 durchgeführten Neujahrsempfängen versucht der Brigadekommandeur alljährlich, sicherheitspolitische Entwicklungen oder ministerielle Entscheidungen mit Auswirkungen auf Brigade und Regionalbereich in das öffentliche Bewusstsein zu rücken, zugleich die Aufmerksamkeit der Repräsentanten der Öffentlichkeit auf besondere Vorhaben der Brigade zu lenken, etwa auf Gefechtsübungen der Truppe mit erheblicher Belastung der allgemeinen Öffentlichkeit durch nächtlichen Lärm oder durch Marschbewegungen unserer gepanzerten Verbände. Den Einladungen zum Neujahrsempfang, der ja im Kern eine sicherheitspolitische Informationsveranstaltung darstellt, folgen in jedem Jahr so viele Gäste, dass die Ansprache des Brigadekommandeurs im großen Schleswig-Holstein-Saal des Standortoffizierheimes in Wentorf bei Hamburg meist nur unter Nutzung der angrenzenden Nebenräume möglich ist.

 

Im Dezember eines jeden Jahres zeigt der Terminkalender des Kompaniechefs der Stabskompanie der Brigade den Eintrag: „Schneiden der Forsythien“ und so ist - 3 Wochen später - das winterlich graue Standortoffizierheim zum Neujahrsempfang mit der gelben Pracht dieser leuchtenden Frühjahrsblüher reich geschmückt. Zugleich mit Weihnachtsgrüßen und Einladungen zum Neujahrsempfang bittet der Brigadekommandeur alljährlich auch zum ersten Wintervortrag des anlaufenden Jahres. Seit Anfang der 80er Jahre wird den Offizieren mit ihren Damen und allen Freunden und Bekannten der Brigade im Winterhalbjahr eine Wintervortragsreihe angeboten. Die Themen orientieren sich an der Entwicklung aktuellen Zeitgeschehens. Die Kompetenz der Vortragenden hat der Brigade an vielen dieser Vortragsabende einen bis an die hinteren Fußleisten des Raumes bestuhlten, also drangvoll besetzten Schleswig-Holstein-Saal beschert. Bei mancher „Stellprobe“ zur organisatorischen Vorbereitung des Vortragsabends stellte sich die Frage, ob der Weg zu den hinteren Stuhlreihen wegen der räumlichen Enge den Gästen noch zugemutet werden könne oder ob auf den Mannschaftsspeiseraum des Panzerartilleriebataillons 165 ausgewichen werden müsse. Die Liste der Vortragenden wird angeführt von Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt (Oktober 1983), als ranghöchster Soldat spricht zweimal zu uns der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, General a.D. Ulrich de Maiziere (zweiter Vortrag im November 1981) im Standortoffizierheim. Das Thema, zu dem im November 1990 Professor Dr. Wolfgang Seiffert vorträgt, beschreibt die grundlegend veränderte politische Realität: „Der deutsche Vereinigungsprozess und seine Auswirkungen auf Osteuropa“. Von diesem Vortragsthema träumt niemand von uns, als die Brigade im Juni 1983 - umgegliedert in die Heeresstruktur 4 und mit der Verteidigung unmittelbar westlich des Elbe-Lübeck-Kanals beauftragt - ihren 25. Geburtstag feiert. Hoher Besuch meldet sich in diesen Jahren bei der Brigade: Die Verteidigungsminister Dr. Apel (September 1982) und Dr. Wörner (Dezember 1982) in enger Zeitfolge - später Dr. Stoltenberg (1989); der Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein Dr.Dr. Barschel, ebenfalls 1982. Die Befehlshaber der Alliierten Landstreitkräfte Jütland und Schleswig-Holstein, Generalleutnant Dr. Kiessling, Generalleutnant Asmussen und Generalleutnant Krogen sowie die Inspekteure des Heeres, Generalleutnant Poeppel, Generalleutnant Glanz und Generalleutnant von Ondarza verschaffen sich durch Truppenbesuche am Standort oder bei großen Gefechtsübungen einen unmittelbaren Eindruck über den Gefechtswert der Brigade, Leistungsfähigkeit, Inneres Gefüge und aktuelle Probleme ihrer Truppenteile.

Teile der Nachschubkompanie 160 angetreten
Teile der Nachschubkompanie 160 angetreten

Rückblickend betrachtet, sind die 80er Jahre die Blütezeit der Panzergrenadierbrigade 16 als kampfstarker Großverband des deutschen Heeres. Akzeptiert von der heimischen Bevölkerung, ausgestattet mit einem klar definierten Auftrag zur Landesverteidigung in der engeren Heimat, geführt von einem leistungsstarken Führerkorps, dessen Unteroffizierkorps in den einzelnen Einheiten sich weitgehend aus dem örtlichen Umfeld regenerieren, verfügt diese Brigade über Grundwehrdienstleistende, die - mit wachsender Tendenz heimatnah einberufen - sich mit dem Gedanken der Heimatverteidigung, dem „Dienen vor der Haustür“ identifizieren können und wollen. Erfolgreiche Nachwuchswerbung für den Offizier- und Reserveoffiziernachwuchs, besonders aber die sehr gesunde Nachwuchsgewinnung für die Unteroffizierkorps in allen Einheiten der Brigade, sprechen für den guten Geist in der Truppe: Diese Brigade ist kerngesund, die Führer aller Dienstgradebenen sind hoch motiviert. Ausbildungsstand, Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft aller Männer werden bei Truppenübungsplatzaufenthalten im In- und Ausland unter Beweis gestellt. Besonders die Auslandsaufenthalte der Truppe in SF11LO/Kanada, CASTLE MARTIN/Wales und OKSBOL/Dänemark fördern den Ausbildungsstand ganz erheblich und sind zugleich Erlebnishöhepunkte für alle Beteiligten. Die jährlichen Großverbandsübungen im nationalen Rahmen oder unter Kommando COMLANDJUT stellen Führer und Truppe im Übungsverlauf vor extreme Anforderungen „rund um die Uhr“. Durch das Erleben gemeinsam erbrachter Höchstleistungen fördern sie zu-gleich den Zusammenhalt der Truppe, schaffen Korpsgeist in den Einheiten und Verbänden. Nach Auftrag, heimatlicher Herkunft vieler ihrer Soldaten und durch die vielen kleinen Übungen auf Zug- und Kompanieebene in der heimatlichen Umgebung ist die Brigade bodenständig geworden; bodenständig im Kreis Herzogtum Lauenburg. Die vielen Patenschaften dokumentieren eine Vielzahl lebendiger Kontakte auf Ebene der Einheiten und Verbände zu Gemeinden und Städten des Kreises. Diese fortschreitende Entwicklung wird auch von Abgeordneten des Kreistages und vom Landrat Günter Kröpelin in der Kreisstadt Ratzeburg beobachtet.

 

Die vielfältigen Verbindungen werden aber auch getragen durch die Integration der Soldaten und ihrer Familien in das gesellschaftliche Leben des Kreises Herzogtum Lauenburg. Diese spiegelt sich wider in den Mitgliedschaften in Vereinen, Verbänden, den kommunalen Vertretungen und im Kreistag. Vielfach wird von Soldaten an hervorgehobenen Positionen Verantwortung getragen. Im Gespräch mit dem damaligen Brigadekommandeur, Brigadegeneral Jürgen von Falkenhayn, regt Landrat Kröpelin an, der Panzergrenadierbrigade 16 den Beinamen „Herzogtum Lauenburg“ zu verleihen. Nachdem der damalige Kreispräsident Hermann Heins und die Mehrheit des Kreistages diese Anregung mittragen, erklärt die Landesregierung Schleswig-Holstein ihre Zustimmung zur beabsichtigten Namensgebung. Auf Antrag der Brigade verfügt der Inspekteur des Heeres die Namensgebung, so dass am 2.12.1987 der Kommandeur der 6. Panzergrenadierdivision, Generalmajor Gaus Steinkopff, im Rahmen eines Feldappells auf dem Gut Wotersen der Brigade den Beinamen „Herzogtum Lauenburg“ verleiht. Panzergrenadierbrigade 16 ist der erste Großverband des deutschen Heeres mit einem Beinamen der Gebietskörperschaft, in der sie stationiert ist. „Namen schaffen Bezüge, signalisieren Traditionsverständnis und vermitteln Sinngebung....“, diese Worte in der Festansprache des Divisionskommandeurs beschreiben zutreffend das Empfinden vieler Soldaten in der Truppe. Behutsam verweist der Brigadekommandeur in seiner Rede während der Namensgebung auf die latente Grundsatzdebatte über den Sinn des militärischen Auftrages im grenznahen Bereich, spricht uns Soldaten aus dem Herzen als er sagt: „ dass wir dieses schöne Stück Erde und seine Menschen lieben, das Land deshalb schützen und nicht, wie uns einige unterstellen, zur Zerstörung freigeben wollen!“ Dieses „schöne Stück Erde“: Der Kreis Herzogtum Lauenburg. In der wechselvollen Geschichte des Kreises Herzogtum Lauenburg. dessen Kreisstadt Ratzeburg erstmals im Jahr 1062 urkundlich erwähnt wurde, nimmt die nur etwa 25 Jahre andauernde Stationierung der Panzergrenadierbrigade 16 eine sehr kurze Zeitspanne ein; so kurz, dass spätere Generationen diese Episode nur mit einer Fußnote in die Chronik des Kreises Herzogtum Lauenburg aufnehmen werden?

Die Bedeutung der Panzergrenadierbrigade 16 für den Kreis, die durch die Vergabe des Beinamens „Herzogtum Lauenburg“ im Jahr 1988 auch förmlich unterstrichen wurde, ist nicht aus der Dauer der Stationierung abzuleiten, sondern aus der überlebenswichtigen Funktion des Großverbandes für diesen Kreis unmittelbar an der Innerdeutschen Grenze, an der Schnittstelle zwischen atomar hochgerüsteten Militärblöcken. Wichtigste Aufgabe der Brigade ist es, bei aktuellen Störungen der politischen Großwetterlage grenznah beruhigend zu wirken und so in dieser „Randzone der Blöcke“ Schaden fernzuhalten. Ohne Sicherheitsvorsorge mittels konventionell gerüsteter Truppenteile hätten leichtere Spannungen zwischen den Zentren der Machtblöcke in ihren Randzonen örtlich verheerende Auswirkungen zeigen können... dies blieb uns allen erspart, Bürgern und Soldaten im Zonenrandgebiet. Die Geschichte des Kreises Herzogtum Lauenburg wurde in den Nachkriegsjahren durch die Brigade bis zum Ende des Kalten Krieges mitgetragen, bewahrt. Beendet wurde diese kritische Zeitspanne der Geschichte des Landkreises durch die Auflösung des Warschauer Paktes und durch die Wiederherstellung der Deutschen Einheit. Seit der Kreis Herzogtum Lauenburg - im Südosten des Landes Schleswig-Holstein gelegen - infolge der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges in die ostwärtige Randlage des westlichen Verteidigungsbündnisses geraten war und diese besonders gefährdete örtliche Lage an der ca. 86 Kilometer langen Grenze zur DDR täglich erlebt - und teils erlitten - werden musste, waren die Bürger des Kreises von ihren Nachbarn in den östlichen Nachbarräumen, insbesondere von den Mecklenburgern, abgeschnitten.

 

Durch den Eisernen Vorhang wurden 24 z.T. jahrhundertealte Verkehrsverbindungen - klassifizierte Straßen, landwirtschaftliche Wirtschaftswege und Eisenbahnlinien - unterbrochen. Dadurch verlor das Randgebiet entlang der Grenze sein natürliches Hinterland. Die über viele Generationen gewachsenen menschlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und verkehrsmäßigen Verbindungen wurden zerrissen. Weite Teile des Kreises Herzogtum Lauenburg sind so in eine extreme Randlage geraten. Verstärkt wurde die Situation durch die europäische Integration. Der Raum geriet so an die Peripherie des Wirtschaftsraumes der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Gemeinschaft. Die Bürger orientierten sich wirtschaftlich und kulturell teilweise zur Freien und Hansestadt Hamburg - teils zur Hansestadt Lübeck; eine Entwicklung, die durch zunehmend höhere Mobilität der autofahrenden Generation ermöglicht und voll genutzt wurde. Umgekehrt zogen aber auch Menschen besonders aus den westlich und nordwestlich angrenzenden Nachbargebieten in den Landkreis. Er ist 1.264,33 qkm groß. Im Norden wird er von der Hansestadt Lübeck, im Westen vom Kreis Stormarn und der Freien und Hansestadt Hamburg, im Süden durch die Elbe begrenzt.

 

In diesem Kreis leben nach dem Stand 30.6.1993 165.633 Einwohner, die in fünf Städten (Geesthacht, Lauenburg/Elbe, Mölln, Ratzeburg und Schwarzenbek), 126 Gemeinden (in elf Ämtern zusammengefasst) und einer amtsfreien Gemeinde (Wentorf bei Hamburg) beheimatet sind. Außerdem umfasst der Kreis einen gemeindefreien Forstgutsbezirk (Sachsenwald). Landschafts-, aber auch Naturschutzplanung führten in weiten Gebieten zur Bewahrung einer reizvollen, teils bilderbuchhaft schönen Landschaft, insbesondere durch die großflächigen Landschaftsschutzgebiete Sachsenwald-Billetal, Hohes Elbufer, Stecknitz-Niederung und Naturpark Lauenburgische Seen. Allein der Naturpark umfasst bei einer Ausdehnung über 40.000 Hektar insgesamt 35 Seen. Zusätzlich sind auch im nordwestlichen Teil des Kreises kleinere Flächen als Naturschutzflächen ausgewiesen, weitere - mittelgroße - Gebietsteile als Landschaftsschutzflächen geplant. Insgesamt werden durch diese Strukturpolitik etwa zwei Drittel der Fläche des Kreises mit Landschaftsschutzmaßnahmen gepflegt, Kernbereiche durch Naturschutzmaßnahmen konsequent geschützt. Vieles ist in der Nachkriegszeit geleistet worden, um den Interessenkonflikt zwischen vorübergehender wirtschaftlicher Nutzung oder ungehemmter Zersiedelung der Natur und deren langfristiger Bewahrung klug auszutragen. Ein besonderer Interessenkonflikt war der Ausbau der vorhandenen Trasse zur Bundesautobahn Hamburg - Berlin quer durch den Kreis. Umfangreiche Naturschutzmaßnahmen wurden insbesondere im Zuge der Streckenführung durch den Sachsenwald gefordert und durchgesetzt, bis diese Bundesautobahn im Jahr 1982 für den Verkehr freigegeben wurde. Wir Soldaten hatten zum Ausbau dieser Bundesautobahn sehr spezielle Bedenken: Rollbahn für angreifende Divisionen des Warschauer Paktes in Westrichtung, in weiten Streckenabschnitten geeignet für die Einrichtung von Feldflugplätzen östlicher Luftwaffen. Diese - wie wir heute wissen - damals so sehr zutreffenden Bedenken, spielen jetzt keine Rolle mehr. Seit Oktober 1990 ist die Bundesautobahn Hamburg - Berlin weit mehr als ein Symbol für die Brückenlage des Kreises Herzogtum Lauenburg zwischen den Ländern der alten Bundesrepublik und den „neuen Bundesländern“: Unser heimatlicher Kreis ist aus der Randlage der Bundesrepublik „in die Mitte Deutschlands“ gerückt.

 

Für die Entscheidung vom Dezember 1992, die Panzergrenadierbrigade 16 aufzulösen, war auch dies ein wichtiger Gesichtspunkt. Der Auftrag der Panzergrenadierbrigade 16 „Herzogtum Lauenburg“ im Kreis, aber auch für den Kreis Herzogtum Lauenburg, ist erfüllt: „Dieses schöne Stück Erde und seine Menschen“ haben wir geschützt. Zusammenarbeit und Verbindungen zwischen Kreis und Brigade werden vorwiegend durch Kreispräsidenten und Landrat in Ratzeburg sowie Brigadekommandeur in Wentorf bei Hamburg durch vielerlei Gespräche gepflegt. Als besonderes Ereignis wird seit 1983 das „Kreisessen“ etabliert; die Städte des Kreises und das Brigadekommando wechseln sich jährlich als Gastgeber ab. Die jedes Mal wieder besonders aufmerksame Programmgestaltung durch die gastgebende Seite führt dazu, dass wir bei diesem Festessen im späten Herbst eines jeden Jahres neben Kreispräsident und Landrat auch die Fraktionsvorsitzenden des Kreistages sowie die Bürgervorsteher und Bürgermeister der Städte und der hauptamtlich verwalteten Gemeinden des Kreises begrüßen dürfen; alle stets von ihren Damen begleitet. Diese Besonderheit hat die Veranstaltung „Kreisessen“ als Kleinod gesellschaftlicher Veranstaltungen von sonstigen dienstlichen Begegnungen mit der Öffentlichkeit deutlich abgehoben. Eine Fraktion des Kreistages hat unsere hartnäckig werbenden Einladungen allerdings niemals akzeptieren können... Im letzten Jahr nachkriegsdeutscher Normalität feiert die Brigade am 8.9.1988 auf dem Gut Lanken/Elmenhorst ihren 30jährigen Geburtstag. Feierliches Gelöbnis aller Rekruten der Brigade und Großer Zapfenstreich durch das Heeresmusikkorps 6 vor 6.000 Gästen werden im Inneren des Gutshofes eindrucksvoll gestaltet. Auch die anschließende Geburtstagsfeier in den Gärten des Gutshofes ist vom Panzerbataillon 164 liebevoll vorbereitet worden; man feiert bis in die frühen Morgenstunden...

BMVg Apel besucht die Übung GRÜNE EICHE
BMVg Apel besucht die Übung GRÜNE EICHE

Im April 1989 begeht das Nordatlantische Verteidigungsbündnis sein 40jähriges Bestehen. Zur weiteren Vertiefung der Beziehung zwischen Brigade und Kreis schlägt der Brigadekommandeur für den späten Herbst 1989 eine Ausstellung „40 Jahre NATO“ in der Kreisstadt Ratzeburg vor. Kreispräsident und Landrat befürworten das Vorhaben, Bürgervorsteher und Bürgermeister der Kreisstadt erklären sich bereit, in der zuständigen Ratsversammlung von Ratzeburg um die Zustimmung zu werben. Das Brigadekommando bereitet sich auf die Durchführung der einwöchigen Ausstellung vor. Während der Ausstellung will der Brigadekommandeur einen Abendvortrag zum gegenwärtigen Stand der Bündnispolitik halten. Im Spätsommer 1989 wird die Zustimmung in der Ratsversammlung zu Ratzeburg dann aber plötzlich fraglich. Erst nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Parteien wird die Zustimmung der Kommunalvertretung mit denkbar knapper Mehrheit erteilt. Was war geschehen? Die Bürger in der DDR hatten die Deutschlandpolitik in Bewegung gebracht, sie riefen: „Wir sind das Volk“! Plötzlich wurden weithin vergessene Fragen um die Zukunft Deutschlands neu gestellt. In dieser unklaren Lage bestanden in Ratzeburg, unmittelbar an der Innerdeutschen Grenze, bei den Kommunalpolitikern erhebliche Bedenken, eine Ausstellung mit diesem Thema durchzuführen. Dem stand das Argument des Brigadekommandeurs gegenüber, dass eine Absage dieser NATO-Wanderausstellung, die wir unmittelbar vom HEADQUARTER CENTAG aus Heidelberg erwarteten, auf die Partner im Bündnis gerade während der damaligen politischen Lage in Deutschland eine sehr irritierende psychologische Wirkung ausüben könnte. So sind wir dankbar, dass schließlich NATO-Wanderausstellung und Abendvortrag des Brigadekommandeurs im November 1989 im Ratzeburger Burgtheater stattfinden können. Während der Ausstellungswoche besuchen uns überwiegend Besucher aus der DDR; die Innerdeutsche Grenze war nämlich wenige Tage zuvor geöffnet worden. Die jetzt beginnende atemberaubende deutschlandpolitische Entwicklung hat auch unseren Dienst in den nächsten Jahren sehr stark beeinflusst - letztendlich den Rückbau der Bundeswehr und damit die Auflösung der Panzergrenadierbrigade 16 „Herzogtum Lauenburg“ bewirkt.

 

Im späten Frühjahr 1989 werden - einmalig während des Bestehens der Bundeswehr - die Wehrpflichtigen nicht zu Beginn eines Kalenderquartals für 18 Monate eingezogen. Neuordnung sowie Verlängerung der Dauer des Grundwehrdienstes entsprechen damaliger sicherheitspolitischer Lagebeurteilung und demografischer Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland. Das deutsche Heer bereitet sich auf die Einnahme der Heeresstruktur 2000 vor... Aber, alles kommt ganz anders! In kürzester Zeit bewirken weltpolitische Ereignisse die Änderung aller sicherheitspolitischen Bedingungen. Die am 1.6.1989 eingezogenen Wehrpflichtigen (W 18) bleiben nur 12 Monate im Grundwehrdienst. Noch innerhalb ihrer laufenden Dienstzeit wird ihre Verpflichtungsdauer um 6 Monate verkürzt: Ende Mai 1990 verlassen diese ersten „W 18er“ als „W 12er“ die Truppe. Einen Monat später scheiden die letzten „W 15er“ aus dem Grundwehrdienst aus. Ebenfalls wird die Heeresstruktur 2000 nicht weiter realisiert. So wechselt das deutsche Heer aus der Heeresstruktur 4 statt in die Heeresstruktur 2000 unmittelbar in die Heeresstruktur 5. Die Sommermonate 1990 sind die letzten normalen Ausbildungsmonate der Brigade. Im September 1990 wählen der Brigadekommandeur und die Bataillonskommandeure in Zusammenarbeit mit den zentralen personalbearbeitenden Stellen die Offiziere und Feldwebel aus, die ab 3.10.1990 die Übernahme der Befehls- und Kommandogewalt über die Nationale Volksarmee in die Tat umsetzen sollten. In vielen Einheiten und Stäben der Bundeswehr brechen Offiziere und Feldwebel in die ehemalige DDR auf. Zu unser aller Überraschung erhält der damalige Brigadekommandeur, Oberst Rolf Ocken, den Auftrag, die ehemaligen Grenztruppen der DDR aufzulösen und gleichzeitig mit vorübergehend weiterbeschäftigten Angehörigen der früheren Grenztruppen die Grenzanlagen an der Innerdeutschen Grenze und um Westberlin abzubauen; insbesondere die Minenfelder zu räumen.

 

Am 3.10.1990 überschreiten also an der ehemaligen Grenzkontrollstelle Gudow der Brigadekommandeur selbst, ein Bataillonskommandeur, Offiziere der Bataillonsstäbe der Brigade, Kompanie- und Batteriechefs mit begleitenden Feldwebeldienstgraden die Grenze zum „Beitrittsgebiet“. Noch ein Jahr zuvor hätte sich niemand diese Entwicklung auch nur für einen irgendwann späteren Zeitpunkt konkret vorstellen können. Den unmittelbar im Vollzug der Übernahme der Befehls- und Kommandogewalt durch den Bundesminister der Verteidigung eingesetzten Offizieren und Feldwebeln sind die Ereignisse zeitweise wie ein Traum vorgekommen; Hauptmann Michael Matz berichtet über seinen Einsatz im Bundeswehrkommando OST vom 3.10.1990 bis zum 31.3.1991: „Nachdem auf politischer Ebene die Übernahme der NVA durch die Bundeswehr beschlossen wurde, wurde auch im Jägerbataillon 66 nach freiwilligen Offizieren und Feldwebeln gesucht, die sich an der Aufbauarbeit in den neuen Bundesländern beteiligen wollten. Als die Frage nach einem Einsatz im Osten an mich herangetragen wurde, habe ich mich ohne Zögern für diese Aufgabe gemeldet, hatte man doch die Möglichkeit, seinen kleinen Beitrag zur Deutschen Einheit zu leisten. Obwohl Einsatzort, Einsatzdauer und -aufgabe ungewiss waren, gab es im Jägerbataillon 66 eine große Anzahl von freiwilligen Offizieren und Feldwebeln. Ich wurde ausgewählt und zur vorbereitenden Ausbildung zwei Tage an die Schule für Information und Kommunikation in Waldbröl befohlen.

 

Da mir bekannt war, dass auf hoher politischer und militärischer Ebene bereits ab Spätsommer 1990 eine Vielzahl von Gesprächen zur Lagefeststellung und zur Koordinierung des Einsatzes von Unterstützungsgruppen geführt worden waren, versprach ich mir umfassende Informationen über den bevorstehenden Einsatz. Wenn auch erste Kontakte zwischen Offizieren, Fähnrichen und Feldwebeln der NVA stattfanden, konnte man sich schließlich aber nur mit viel Fantasie ein sehr grobes Bild über das machen, was einen erwartete. Konkreter war eine Zusammenziehung aller Begleit- und Unterstützungskommandos der 6. Panzergrenadierdivision in der letzten Septemberwoche 1990. Während dieser Veranstaltung, an der auch Offiziere der 8. MotSchützendivision aus Mecklenburg teilnahmen, wurden Aufgaben konkretisiert. Ich erhielt den Auftrag, mit Oberleutnant Hans-Christoph Grohmann, Zugführer in der 3./Jägerbataillon 66 und Hauptfeldwebel Ernst Gossler, Kompaniefeldwebel der 5./Jägerbataillon 66, die Rekrutenkompanie der Ausbildungsbasis 30 in Goldberg zu unterstützen. Dieser Auftrag sollte die Aus- und Weiterbildung der Führer und Unterführer sowie die Begleitung dieser Einheit im täglichen Dienst beinhalten. Mit diesen spärlichen Informationen begannen unsere Vorbereitungen. Wir beluden einen VW-Bus und einen Lkw 2 t mit diversen Vorschriften, Ausbildungsmitteln (Videoanlage, Tageslichtprojektor usw.), Kisten voller Formblätter aller Art, Informationsmaterial über die Bundeswehr und die Bundesrepublik Deutschland.

 

Am 3.10.1990, gegen 11.00 Uhr, gerade 11 Stunden nachdem ich mit meiner Frau und Zehntausenden von Hamburgern auf dem Rathausmarkt der Freien und Hansestadt Hamburg die Deutsche Einheit gefeiert hatte, setzte sich unsere kleine Kolonne nach Osten in Bewegung. Die Gefühle, die ums beim Überqueren der ehemaligen Innerdeutschen Grenze erfüllten, sind nur schwer in Worte zu fassen. Die Gespräche im Wagen beschränkten sich im wesentlichen auf die Frage, was in den nächsten Tagen und Wochen auf uns zukäme und wie die Reaktionen der von uns zu begleitenden Soldaten sein würde. Schon nach wenigen Kilometern auf mecklenburgischem Territorium wurden wir von Trabbis und Wartburgs hupend überholt, die Insassen winkten uns freudig entgegen. Gegen 14.00 Uhr erreichten wir Goldberg, eine verschlafene Kleinstadt am Rande der Mecklenburgischen Seenplatte. Am Ortseingang hatten wir uns mit dem Versorgungsoffizier der Ausbildungsbasis 30 verabredet, einem ehemaligen Major der NVA, der uns als Hauptmann der Bundeswehr begrüßte. Er fühlte sich noch sichtlich unwohl in seiner neuen Uniform. Wir standen uns kurzzeitig wortlos gegenüber, grüßten militärisch und als wir uns die Hand reichten, riss - wie ein Symbol - der Himmel auf, und Goldberg lag im Sonnenschein eines schönen Spätsommertages. Die für unsere Ankunft getroffenen Vorbereitungen waren vorbildlich. Im „Ledigenwohnheim“ waren drei Zimmer, Größe und Ausstattung nach Dienstgraden gestaffelt, vorbereitet. Unsere ersten Gespräche mit zwei Offizieren des Regimentes, die bis tief in die Nacht währten, ergaben folgendes Lagebild: In der Kaserne waren die Ausbildungsbasis 30, ein Ausbildungsregiment mit einer Stärke von ca. 1.000 Soldaten sowie das Bataillon Funkelektronischer Kampf 5 (EloKa) untergebracht. Die Kommandeure der Verbände waren ehemalige NVA-Stabsoffiziere, der Einsatz von Stabsoffizieren aus den alten Bundesländern war an diesem Standort nicht vorgesehen. Überdies gab es nicht nur eine, sondern zwei Grundausbildungseinheiten.

 

Am nächsten Morgen meldete ich mich beim Regimentskommandeur und besprach mit ihm das Vorgehen der Unterstützung. Gemeinsam entschieden wir, dass ich im Regimentsstab Dienst leisten sollte und den Kommandeuren und Offizieren des Stabes beratend und hilfreich zur Seite stellen sollte. Oberleutnant Grohmann sollte eine Grundausbildungseinheit betreuen, Hauptfeldwebel Gossler war für die Organisation des Innendienstes in den Einheiten verantwortlich. Der erste Rundgang durch die Kaserne war ernüchternd! Eine wenig gepflegte Anlage, die Scheiben vieler Kompaniegebäude - wohl mutwillig - zerstört, die Unterkünfte der Soldaten, insbesondere die sanitären Einrichtungen, in einem erbärmlichen Zustand, ein mit Rad- und Kettenfahrzeugen überfüllter Technischer Bereich, eine Wache, die Statistenrolle zu haben schien, überall nichts tuende Soldaten, überall fragende Augen. Ein nahezu unüberwindlicher Berg voll Problemen türmte sich vor uns auf, sollte das Unterstützungsteam doch nur vier Wochen in Goldberg eingesetzt sein. Unser Auftrag zur Unterstützung der örtlichen Führer umfasste zunächst folgende Bereiche:

  • Beratung der Kommandeure in allen dienstlichen und außerdienstlichen Fragen, quer durch alle Führungsgrundgebiete,
  • Einweisung aller Offiziere des Standortes in ihre Aufgabenbereiche und in die Vorschriften der Bundeswehr,
  • Aus- und Weiterbildung aller Führer in allen Bereichen, von der Anzugsordnung bis zu Grundsätzen der Inneren Führung,
  • Begleitung des Dienstes in den Einheiten, besonders in den Grundausbildungseinheiten.
Die letzten Soldaten des Panzergrenadierbataillons 163
Die letzten Soldaten des Panzergrenadierbataillons 163

Aufgrund großen Engagements, auch vieler Soldaten der ehemaligen NVA, gelang es, nach wenigen Wochen einen nach den Regeln der Bundeswehr geordneten Dienstbetrieb im Standort zu leisten. Durch eine Vielzahl von Weiterbildungs- und Informationsveranstaltungen wurde die Disziplin, insbesondere bei den Grundwehrdienstleistenden, spürbar besser - die fragenden Augen aber kaum weniger. Nach der Neuordnung des Dienstbetriebes galt unser Augenmerk, nachdem sich unser „Vertrag“ bis zum Ende des Jahres 1990 verlängert hatte, neben der ständigen Dienstbegleitung und der Aus- und Weiterbildung aller Soldaten, besonders den außermilitärischen Fragen im Bereich der örtlichen Gemeinde und der Öffentlichkeitsarbeit. Meiner Anregung folgend, entschloss sich der Kommandeur der Ausbildungsbasis in Goldberg, die in NVA-Zeiten für die Zivilbevölkerung verschlossene Kaserne der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Regelmäßige Zusammenkünfte der Soldaten mit den Bürgern der Gemeinde und des Landkreises waren lohnende Ergebnisse unserer gemeinsamen Bemühungen. Wegen der ungeklärten Zukunftsaussichten für ehemalige NVA-Soldaten, verließen viele die Armee. Ein gewaltiges Problem, dessen Auswirkungen kurz vor Jahresende 1990 deutlich erkennbar wurden. Daher stellte das Regiment mit Erfolg den Antrag, die Kommandierungen für Hauptfeldwebel Gossler und für mich bis zum 31.3.1991 zu verlängern. Wir nutzten diese Zeit, um möglichst viele Führer, die sich entschlossen hatten, mindestens zwei weitere Jahre in den Streitkräften zu dienen, die Bundeswehr erleben zu lassen.

 

Wir vermittelten Einzel- und Gruppenbesuche in Wentorf sowie Lehrgangsplätze an den Schulen des Heeres. Wir unterstützten die Verantwortlichen in Goldberg nach besten Kräften. Leider wurde im März 1991 entschieden, dass der Standort Goldberg aufgelöst werden sollte. Mit dieser Entscheidung wurde die Ausbildungsbasis 30 und das Bataillon Funkelektronischer Kampf 5 zu einer Abwicklungsdienststelle degradiert. Die Unterstützung durch unser Begleitkommando endete mit Ablauf des ersten Quartals 1991. Vermutlich werde ich nie wieder vor eine solche Aufgabe, eine so große Herausforderung gestellt werden. Rückblickend war meine Entscheidung, persönlich Aufbauarbeit zu leisten, richtig. Mein bescheidener Beitrag für das Zusammenwachsen der deutschen Streitkräfte hat mich sehr erfüllt. - Ich war dabei!“ Aber auch an der „Heimatfront“ wird seit Oktober 1990 für das Zusammenwachsen der Streitkräfte im vereinten Deutschland engagiert gearbeitet. Die Ausbildungsunterstützung für das Bundeswehrkommando OST bindet Offiziere und Unteroffiziere durch unterschiedliche Unterstützungsleistungen ein: Ausbildung voll Rekruten aus Mecklenburg-Vorpommern und Berlin in den Truppenteilen der Brigade, quartalsweise Entsendung von Zugführeroffizieren, Feldwebeln und Unteroffizieren ohne Portepee in verschiedene Truppenteile des Bundeswehrkommandos OST zur Rekrutenausbildung oder zur Ausbildung von Soldaten in der Spezialgrundausbildung - zusätzlich Offiziere und Feldwebeldienstgrade zur fachlichen Unterstützung in allen Führungsgrundgebieten mit Schwerpunkt im Bereich der Logistik. Außerdem wird in Wentorf bei Hamburg und Elmenhorst gezielte fachliche Ausbildung einzelner Offiziere und Unteroffiziere des Bundeswehrkommandos OST im Brigadekommando, in den Stäben der Verbände sowie bei den Standortältesten und den Kasernenkommandanten geleistet. Neben dieser militärfachlichen Ausbildung steht das innere Zusammenwachsen der Soldaten früher so gegensätzlich konzipierter Armeen an erster Stelle; hierbei gibt der Brigadekommandeur die Linie vor. Bereits im Februar 1990 treffen sich die Kompaniechefs der Brigade in der Julius-Leber-Akademie in Ahrensburg mit 15 Oberstleutnanten und Majoren des Wehrbereichskommandos der Nationalen Volksarmee aus Schwerin. Es ist ein erstes Abtasten, das von vorgesetzten Kommandobehörden und auch im Bundesministerium der Verteidigung eher skeptisch wahrgenommen wird. Der im Führungsstab der Streitkräfte verantwortliche Referatsleiter Militärpolitik, Oberst Eckart Fischer, beschreibt später - als er selbst Brigadekommandeur der Panzergrenadierbrigade 16 geworden war - seine damalige Beurteilung der Ereignisse in Ahrensburg als „missbilligend“.

 

Für die Einheitsführer der Brigade sind die Erlebnisse mit den Stabsoffizieren aus Schwerin sehr aufschlussreich und helfen, ein durch persönliche Beobachtung gestütztes Bild über die Offiziere der NVA zu gewinnen. Die Bedenken in Bonn sind dennoch leicht nachvollziehbar: Immerhin stehen wir noch vor der ersten Kommunalwahl in der damaligen DDR; die Fortentwicklung der deutschen Frage, gar der Wiedervereinigung oder das Zusammenführen beider Armeen, sind zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nicht absehbar. Ein Jahr später - im März 1991 - findet erneut ein Deutschlandpolitisches Seminar in der Julius-Leber-Akademie mit den Einheitsführern der Brigade statt. Teilnehmer sind auch 22 Offiziere aus dem Bundeswehrkommando OST. Das Seminar findet in Zivil statt, weil die Offiziere des Bundeswehrkommandos OST noch nicht alle eine Uniform der Bundeswehr haben.

 

Für alle Offiziere der früheren NVA ist dieses Zusammensein in Ahrensburg der erste Kontakt zur Bundeswehr WEST, für manch einen der erste Besuch in den alten Bundesländern und für alle die erste Wahrnehmung der Arbeits- und Lebensverhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland. Wir diskutieren im Hamburger Rathaus - zusammen mit zwei Mitgliedern der Bürgerschaft -, erleben die Stadt Hamburg unter Leitung der Baubehörde und besuchen den Axel Springer-Verlag in Ahrensburg. An einem der Abende findet ein festliches Essen im Schleswig-Holstein-Saal des Standortoffizierheimes in Wentorf statt, an dem Repräsentanten der Öffentlichkeit des Kreises Herzogtum Lauenburg teilnehmen. Nicht nur für die Teilnehmer aus dem Bundeswehrkommando OST ist dies ein einzigartiges Erlebnis! Im März 1992 führen wir erneut das Deutschlandpolitische Seminar an der Julius-Leber- Akademie in Ahrensburg mit allen Einheitsführern der Brigade durch. Auch diesmal ist es dem stellvertretenden Direktor der Akademie, Istvan Szepesi, zusammen mit dem Brigadekommando gelungen, die Seminarwoche einzigartig zu gestalten. An einem der Seminartage begrüßen wir in Ahrensburg Botschaftsräte aus OST und WEST. Aus dem Osten sind vertreten: GUS, Polen, Ungarn, CSSR; aus dem Westen: USA, Großbritannien, Frankreich und auch Finnland. Abends veranstalten wir im Beisein des Divisionskommandeurs mit den Diplomaten aus OST und WEST ein festliches Essen im Wentorfer Standortoffizierheim. Höhepunkt der Seminarwoche ist der Besuch der 94. Garde MotSchützendivision/GUS in Schwerin. Dieser Besuch bei der 94. Garde MotSchützendivision, unter Kommando des Generalmajors Kutenko, war unter besonderen Schwierigkeiten zustande gekommen. Unser Brigadekommandeur hatte den Besuch nur unter ausdrücklichem Hinweis auf den konkreten Stand der Vorbereitungen im letzten Augenblick durchsetzen können; eine kurzfristige Absage des schon in allen Details festgelegten Besuches wäre für die 94. Garde MotSchützendivision eine unverständliche schroffe Geste gewesen.

 

So erleben die Einheitsführer der Brigade - mit den Kommandeuren - am 4.3.1992 in Schwerin ein „Gruselkabinett der Erinnerungen sowjetischer Soldaten“, einen Stillstand im Bewusstsein dieser Menschen seit der historischen Ereignisse im Mai 1945. Die Division fühlt sich auf Abruf. Das Pionierbataillon der Division ist bereits nach Nowosibirsk an der mongolischen Grenze verlegt worden, um dort Rohbauten zur Aufnahme der nachfolgenden Truppenteile der Division aufzubauen. Kaum nachzuempfinden sind die schweren Sorgen der Soldaten und Familien der 94. GMSD, die ihrem Abschied vom wunderschönen Schweriner See - die Wohnungen mit Blick auf das Schweriner Schloss - in die trostlose Einöde im fernen Russland entgegensehen. Die veränderte Realität hat in den russischen Kasernen in Schwerin das äußere Bild noch nicht konsequent beeinflusst: An den Fahnenmasten flattern noch die Fahnen der UdSSR. So klammern sich die Soldaten dieser Division, fern von ihrer Heimat, an ein einigendes Band, das es nicht mehr gibt: Die Sowjetunion hat bereits aufgehört zu existieren. Bis über Mitternacht hinaus sind wir als Gäste der Friedrich-Ebert-Stiftung in Schwerin mit dem stellvertretenden Divisionskommandeur der Russen, Stabsoffizieren des Divisionsstabes und Regimentskommandeuren zusammen: gut essen, viel trinken - viel Kauderwelsch! Für manchen von uns schließt sich ein Kreis, als wir uns von den Russen in dem Wissen verabschieden, dass diese nach Nowosibirsk zurückkehren werden und in Schwerin bald nur noch Truppenteile der Bundeswehr - nämlich die Heimatschutzbrigade 40 - beheimatet sein werden.

 

Im gesamten Jahr 1992 befinden sich die Offiziere und Unteroffiziere der Brigade in einer Aufbausituation. Die Umgliederung der Kampftruppen der Brigade in die Heeresstruktur 5 wird bis Oktober abgeschlossen. Nachdem bereits eine Kampfwertsteigerung der Schützenpanzer Marder 1 auf die Version A3 durchgeführt worden war, werden jetzt auch alle Kampfpanzer Leopard 1 ausgetauscht und durch den Kampfpanzer Leopard 2 ersetzt. Die Brigade steht noch unter dem Eindruck der Brigadegefechtsübung GRÜNE EICHE 91, die unter großer Beteiligung fremder Truppenteile mit einem Kriegsbrückenschlag über die Elbe eingeleitet worden war, den britische Pioniere für unsere Brigade durchgeführt hatten. Ausbildungsinhalte werden modifiziert, der verkürzten Grundwehrdienstdauer angepasst. In der Führerweiterbildung werden insbesondere veränderte operative Verfahren zum weiträumigen Einsatz der Verbände infolge des erweiterten Aufgabenspektrums der Bundeswehr eingeübt. Die Streitkräftereduzierung hatte bereits dazu geführt, dass die Panzergrenadierbrigade 16 viele Offiziere und Unteroffiziere der zuvor umliegenden Verbände aufgenommen, diesen Soldaten eine neue militärische Heimat gegeben hatte. Auch die kostenaufwendigen infra-strukturellen Vorbereitungen für die Langzeitlagerung von Großgerät waren weithin abgeschlossen. In den Truppenteilen finden sich die Führer- und Unterführerkorps in veränderter personeller Zusammensetzung wieder zusammen. Zuversicht und eine positive Einschätzung der Zukunft des eigenen Truppenteiles und der persönlichen beruflichen Erwartungen kennzeichnen die allgemeine Stimmungslage.

Auflösungappell der Panzergrenadierbrigade 16
Auflösungappell der Panzergrenadierbrigade 16

Am 15.12.1992 trifft uns die Entscheidung des Bundesministers der Verteidigung völlig unerwartet: Die Panzergrenadierbrigade 16 wird aufgelöst. Die Enttäuschung ist groß. Der Gefahr allgemeiner Resignation beugt der Brigadekommandeur dadurch vor, dass er die noch verbleibende Zeit bis Ende 1994 klar unterteilt: Für 1993 gilt die nur wenig modifizierte Fortsetzung fordernder und erlebnisreicher Ausbildung für die Soldaten aller Dienstgradebenen. Für 1994 ist der Rückbau der Brigade bis Ende September des Jahres vorzusehen, danach verbleiben nur Restteile bis zum Jahresende. Mit allen Kräften bemüht sich der Brigadekommandeur, die beruflichen Perspektiven für den einzelnen Offizier und Unteroffizier der Brigade nicht als Folge der Auflösungsentscheidung zu schmälern. Daher wird der Steuerkopf/Personal, der bereits zur Einnahme der Heeresstruktur 5 in der Personalabteilung des Brigadekommandos eingerichtet worden war, jetzt personell aufgestockt und mit der umfassenden Aufgabe betraut, für alle Soldaten der Brigade, insbesondere aber für die Berufsunteroffiziere und die längerdienenden Unteroffiziere auf Zeit, eine förderliche Verwendung in einem anderen Truppenteil der Bundeswehr zu finden. Bereits zum Ende des Jahres 1993 ist klar abzusehen, dass diese Zielsetzung erreicht wird. Die Anzahl der Offiziere und Unteroffiziere, für die eine Anschlussverwendung noch nicht festgelegt ist, ist zu diesem Zeitpunkt überraschend gering. Für 1994, das letzte .fahr des Bestehens der Panzergrenadierbrigade 16, bildet der würdevolle Abschied der Brigade aus der Öffentlichkeit und die Feierliche Außerdienststellung der Panzergrenadierbrigade 16 „Herzogtum Lauenburg“ das herausragende letzte Ereignis. Die Feierlichkeiten zur Außerdienststellung der Brigade wurden am 3. Mai 1994 durch einen ökumenischen Gottesdienst im Garten des Kasinos eingeleitet. Pfarrer Johannes Werner und Dekan Karl-Josef Weber gestalteten die Feier gemeinsam. Am 5. Mai, pünktlich um 18.30 Uhr, marschierte die Ehrenformation mit den Truppenfahnen der noch aktiven Verbände der Brigade auf den Antreteplatz der Bose-Bergmann-Kaserne ein. Noch einmal waren Abordnungen aller aktiver und bereits aufgelöster oder anderen Truppenteilen unterstellter Verbände und Einheiten im offenen Karree angetreten, um der Außerdienststellung der Panzergrenadierbrigade 16 „Herzogtum Lauenburg“ einen würdigen Rahmen zu geben. Auf dem rechten Flügel marschierte eine Abordnung der 2. Jyske Brigade auf, die 1989 eine Patenschaft mit unserer Brigade eingegangen war. Der Kommandeur des dänischen Großverbandes, Col. Pallesen, und sein Stellvertreter, LtCol. Kuula, beobachteten von der Ehrentribüne aus den Einmarsch der Truppenteile. Nachdem zunächst der frisch beförderte Brigadekommandeur, Brigadegeneral Eckart Fischer, die zahlreich erschienenen Gäste begrüßt hatte, unter ihnen die Bundestagsabgeordneten Eckart Kuhlwein, Michael von Schmude und Werner Zywitz, die Landtagsabgeordneten Claudia Preuß-Boehard, Dr. Jürgen Hinz und Hartwig Fischer sowie der Landtagspräsident a.D. Dr. Paul Rohloff und die neu gewählte Kreispräsidentin des Kreises Herzogtum Lauenburg, Helga Hinz, gab er einen Rückblick auf die wechselvolle Geschichte der Brigade - die in diesem Buch niedergeschrieben ist.

 

Anschließend verabschiedete der Brigadekommandeur die Brigade mit folgenden Worten: „Ende 1994 wird es die Panzergrenadierbrigade 16 „Herzogtum Lauenburg“ nicht mehr geben, die Bose-Bergmann-Kaserne, Bismarck-Kaserne, Sachsenwald-Kaserne werden aufgegeben. Damit endet ein Stück Nachkriegsgeschichte, ein Stück Militärgeschichte im Kreis Herzogtum Lauenburg. Wir gehen nicht gern, aber wir blicken stolz auf mehr als 36 Jahre Dienst für unser Vaterland, für diese Region. Neue Aufgaben warten an anderer Stelle auf jeden von uns. Wir wünschen Ihnen und uns weiterhin Frieden und Freiheit - damit verabschiedet sich die Panzergrenadierbrigade 16 „Herzogtum Lauenburg“. In den Aufbaujahren der Brigade wurde vieles „zum ersten Mal“ gemacht, seit 1993 aber immer öfter „zum letzten Mal“. So erklang jetzt „zum letzten Mal“ der Brigademarsch, der Marsch des Yorkschen Korps, und so manchem alten 16er wurde wehmütig ums Herz. Der Landrat des Kreises Herzogtum Lauenburg. Günter Kröpelin, ging dann in seiner Rede noch einmal auf die intensiven und freundschaftlichen Beziehungen zwischen der Bevölkerung des Kreises und den Soldaten der Brigade ein. „Die deutliche Mehrheit der Kreisbevölkerung bedauert den Abzug der Bundeswehr. Die meisten empfanden ein Stück Geborgenheit im Schutze der Brigade, die auch innerhalb der 6. Panzergrenadierdivision und der Bundeswehr insgesamt einen guten Ruf besaß. Insbesondere die enge Verbundenheit und Verwurzelung in unserer Region, mit den Menschen in unserem Kreis Herzogtum Lauenburg suchten ihresgleichen... ...Wie schwer der Verlust für unsere Gemeinden, für den Kreis sein wird, das wird sich sicherlich erst in einigen Jahren zeigen.“ Dann war es soweit. Die Bataillonskommandeure und Kompaniechefs traten mit den Truppenfahnen vor. Bevor der Befehlshaber im Wehrbereich 1 und Kommandeur der 6. Panzergrenadierdivision, Generalmajor Jürgen von Falkenhayn, sich die Brigade zur Außerdienststellung melden ließ, bedankte sich der ehemalige Kommandeur dieser Brigade bei der Bevölkerung und seinen Soldaten. „...Genauso möchte ich mich bei der Bevölkerung dieser Region bedanken, die, ob in Hamburg-Bergedorf, in Reinbek und Umgebung oder im Kreis Herzogtum Lauenburg zu Hause, uns Soldaten Rückhalt und Einbindung gewährt hat. Ich glaube, dass nicht nur die Landschaft und die Menschen das Miteinander geprägt haben, sondern natürlich auch der uns bis 1990 übertragene Auftrag, im Rahmen der Vorneverteidigung unsere Heimat praktisch vor der Haustür zu verteidigen, wenn es hätte sein müssen. Die zum Greifen nahe ehemalige Innerdeutsche Grenze verschärfte das Bild. Ein früherer KG (Kommandierender General) hat einmal in der Abschlussbesprechung einer großen Übung den bemerkenswerten Satz geprägt: „Wo Bruhn steht, kommt keiner durch.“ Fast jeder hier auf diesem Platz weiß, dass damit nicht der Schütze Bruhn, sondern einer der markantesten ehemaligen Kommandeure dieser Brigade, Brigadegeneral a.D. Bruhn, gemeint war.

 

Genauso aber hätte der KG sagen können: „Wo die Panzergrenadierbrigade 16 steht, kommt keiner durch.“ Die Bevölkerung hier im südlichen Schleswig-Holstein und ostwärts von Hamburg wusste, dass sie sich auf ihre Soldaten verlassen konnte...“ Der Brigadekommandeur meldete jetzt die Brigade zur Außerdienststellung, und Generalmajor von Falkenhayn entband diesen stolzen Großverband mit Wirkung vom 31.12.1994 von seinem Auftrag. Mit einem dreifach kräftigen Hurra, unterstrichen durch donnerndes Kanonenfeuer, verabschiedeten sich die Soldaten von der Bevölkerung. Das anschließende Verhüllen der Truppenfahnen machte jedem die Endgültigkeit der Entscheidung vom 15.12.1992 deutlich. Die verhüllten Truppenfahnen wurden anschließend den Kommandeuren des Panzergrenadierbataillons 401 und des Panzerbataillons 403 übergeben. Sie werden die Tradition des Panzergrenadierbataillons 162 und des Panzerbataillons 164 übernehmen und lebendig halten. Nach einem Empfang im Offizierheim der Bose-Bergmann-Kaserne wurde als feierlicher Schlusspunkt dieses denkwürdigen Tages der Große Zapfenstreich auf dem Antreteplatz durchgeführt - ein Großverband hat sich verabschiedet.