Chronik des Feldersatzbataillons 63

»Das Heer der Zukunft wird weit mehr als heute vom Ausbildungsstand und der Einsatzbereitschaft der Soldaten der Reserve bestimmt. Die Arbeit mit und für Reservisten wird in der künftigen Struktur zur zentralen Aufgabe für die aktiven Soldaten. Sie ist die große Herausforderung der 90er Jahre.« (Inspekteur des Heeres, März 1990) 

Reservisten sind die Hauptträger unserer Landesverteidigung: früher, heute und morgen mehr denn je. Die Brigade hatte in ihrer »Blütezeit« über 3.000 Soldaten der Reserve zu betreuen, auszubilden und in Übung zu halten, eine schier unlösbare Aufgabe. Es mussten also Prioritäten gesetzt werden. Diese galten den mobilmachungsabhängigen Verbänden, nämlich dem Panzergrenadierbataillon 161 und natürlich dem Feldersatzbataillon 63 mit seiner stattlichen Stärke von 865 Mann (nahezu ausschließlich Reservisten). Dennoch hatte dieser einzige »Reservetruppenteil« der Panzergrenadierbrigade 16 unter lauter »Einsatztruppenteilen« nicht immer einen leichten Stand.

 Das Feldersatzbataillon - ein »absonderlicher Haufen« ? Ganz gewiss nicht. Aber seien wir ehrlich: Jeder »anständige« Infanterist sträubt sich zunächst gegen eine Beorderung in einen Personalersatztruppenteil (so lautet die offizielle Bezeichnung für diese Verbände und Einheiten). Dem Chronisten, einem alten Fallschirmjäger, erging es nicht anders. Unweigerlich kommt Unbehagen auf, nun offenbar zum »alten Eisen« zu gehören. Ist das wirklich so? Was hat es auf sich mit diesen Bataillonen und Kompanien? Verluste der Truppe müssen ersetzt werden, schnell und qualifiziert, andernfalls verbraucht sich auch der bestausgebildete Truppenteil in kurzer Zeit. Wie war das früher?

 Die Verfahrensweise beim Ersatz des ausgefallenen Personals ist ein wesentlicher Faktor für die Kampfkraft einer Truppe. In der deutschen Wehrmacht hatte man bereits frühzeitig Vorstellungen zur Ausbildungsorganisation und zum Personalersatzwesen entwickelt. Ziel war es, den Personalersatz gut auszubilden und ihn schnell und reibungslos einzugliedern. Daraus resultierten im Wesentlichen zwei Forderungen: zum einen nach kriegsnaher, moderner und lebendiger Ausbildung, zum anderen nach Gewährleistung eines engen Kontakts zwischen Ersatz- und Einsatztruppenteil. Mit der kriegsnahen und lebendigen Ausbildung klappte es immer dann, wenn es gelang, einsatzerfahrene Ausbilder und Vorgesetzte zu den Ersatztruppenteilen zu kommandieren, die dann auch - soweit irgend möglich - das Ersatzpersonal von der Ausbildung in der Heimat bis in den Einsatz geführt haben.

 Damit wurde ganz bewusst die Bildung von kameradschaftlichen Beziehungen berücksichtigt, ja sogar vermeintlich taktische Nachteile in Kauf genommen. Nach Meinung amerikanischer Militärsoziologen war dies eine der wichtigsten Ursachen für die Leistungsfähigkeit und das Durchhaltevermögen deutscher Soldaten. Zum Vergleich: Die amerikanischen Streitkräfte haben ihren Personalersatz nach Grundsätzen des Managements wie Ersatzteile nachgeschoben. Auf die Bildung von Gruppenbeziehungen innerhalb von Kampfgemeinschaften wurde kein Wert gelegt, sie wurden organisatorisch sogar verhindert. Die enge Verbindung zwischen Ersatz- und Einsatztruppenteilen in der Wehrmacht führte allerdings sehr bald dazu, dass die Führer der Einsatztruppenteile frühzeitig auf ihren Personalersatz zurückgriffen. Ein zweischneidiges Schwert also. Von dieser Praxis wurde daher wieder abgerückt. In der Heeresstruktur 5 der Bundeswehr gellen wir mit der kompanieweisen Zuordnung der Ersatztruppenteile zu den Verbänden wieder den umgekehrten Weg. Das Auseinanderklaffen von Theorie und Praxis machen folgende Sachverhalte deutlich: In der Heeresstruktur 4 sollte der Personalersatz die beachtliche Gesamtstärke von 410.000 Soldaten umfassen, beordert und materiell ausgestattet waren davon aber nur ca. 200.000, also weniger als die Hälfte. Es gab und gibt für diese »Truppengattung« nicht einmal eine Vorschrift (sie ist noch - Anfang 1994 - in Bearbeitung), Truppenfahnen wurden aus Kostengründen (!) nicht überreicht. Kreativität und Engagement auf diesem bisher nur sehr sporadisch beackerten Feld sind also gefragt, auch und gerade bei den verantwortlichen Führern der Reserve. Und vergessen wir nicht: Einen gut ausgebildeten Personalersatz können wir sicher guten Gewissens vorübergehend auch mit Objekt- und Raumschutzaufgaben betrauen. Ziel dieser einleitenden Zeilen war es, dem Leser die »Personalersatztruppenteile« ein wenig näher zu bringen und ihn vertraut zu machen mit ihren vielfältigen - oft unbekannten - Problemfeldern.

Wenden wir uns nunmehr - gestärkt durch dieses Grundlagen- und Problemwissen - unserem ganz speziellen Personalersatztruppenteil zu, dem Feldersatzbataillon 63 der Panzergrenadierbrigade 16, und betrachten wir dessen Historie. Unser Bataillon blickt auf eine 31jährige Geschichte zurück. Es wurde am 1. Juli 1962 in Flensburg als Feldersatzbataillon 167 aufgestellt und im Rahmen der Heeresstruktur 4 am 1. Januar 1981 in Feldersatzbataillon 63 umbenannt. Ursprünglich also in Flensburg stationiert, zog das Bataillon im Jahre 1969 nach Hamburg-Sülldorf um und verlegte schließlich 1984 an seinen Endstandort, die Lettow-Vorbeck-Kaserne in Hamburg-Jenfeld. Diese Standorte waren die sog. Mobilmachungsstützpunkte, das heißt, hier lagerten Waffen und Gerät des Bataillons und hier hätte es im Krieg »mobilgemacht«. Der Hauptauftrag, die Bereitstellung und Abgabe von Personalersatz, spiegelt sich im Bataillonswappen wieder (s. links):

Die grüne Raute auf gelbem Grund ist das taktische Zeichen für Person, sie weist in Verbindung mit den strahlenförmig angeordneten Pfeilen auf diesen Auftrag hin. Das Nesselblatt auf grünem Grund symbolisiert wie beim Brigadewappen das Land Schleswig-Holstein und die Truppengattung Infanterie. Als sehr nützlich erwies sich bei unseren Ausbildungsvorhaben und Einsatzvorbereitungen der Mobilmachungsverbund mit dem Panzerartilleriebataillon 165, in dessen Rahmen uns aktive Kameraden als sog. aktives Mobilmachungsergänzungspersonal unterstützt haben, vor allem der Chef der 1. Batterie als S 3-Stabsoffizier und stellvertretender Bataillonskommandeur. Jenes geflügelte Wort von den »aktiven Reservisten und den reservierten Aktiven« traf für unsere ausgesprochen »aktiven Aktiven« gewiss nicht zu....

 Die Anfänge unseres Bataillons liegen im Dunkel. Vom ersten Kommandeur, dem Oberstleutnant d.R. Lange, ist nur noch überliefert, dass er eine Schwäche hatte für stramme Marschmusik und dazu neigte, im offenen Geländewagen - bei Marschmusik vom Band - die Front seiner angetretenen Truppe abzufahren, egal, in welchem Gelände. Beginnen wir also im Jahre 1977. Unser Bataillon, damals noch mit der Nummer »167«, führte vom 14. bis 21. November im Rahmen der NATO-Übung BRISK FRAY eine Mobilmachungs-Übung durch, zum ersten Mal mit großen Teilen des Personalersatzes. Die Übung hatte Höhen und Tiefen. Doch lassen wir den damaligen Bataillonskommandeur, Oberst d.R. Dr. Hans-E. Sulanke selber berichten:

»Die Ausbildung der Reservisten bei den aktiven Verbänden war sehr unterschiedlich. Während die der Instandsetzungskompanie zugewiesenen Soldaten sich durchweg sehr positiv äußerten, beklagten die für die Nachschubkompanie bestimmten Soldaten, sie seien überhaupt nicht erwartet und freimütig als überflüssig bezeichnet worden. Beim Panzergrenadierbataillon 163. dem Panzerbataillon 164 und dem Panzerartilleriebataillon 165 wurde überwiegend sinnvolle Einweisung und Ausbildung betrieben. Die Reservisten klagten aber über ihren Einsatz beim Jägerbataillon 162 (1981 umbenannt in Panzergrenadierbataillon 162). In den ersten drei Tagen seien sie ohne sinnvolle Ausbildung, bzw. Beschäftigung nur nebenher gelaufen. Auch während der Übung BRISK FRAY seien sie falsch verwendet worden, bzw. hätten die unangenehmsten Aufträge zugewiesen erhalten.

Das größte Problem während dieser Übung war die ATN-gerechte Verwendung der Soldaten des Personalersatzes. In überaus großer Anzahl berichteten Soldaten davon, dass sie nach ihrer Anforderung in Verwendungen eingesetzt worden seien, mit denen sie überhaupt nichts anzufangen gewusst hätten...

Trotz mancher Vorkommnisse hat es mit den Reservisten keinerlei disziplinare Schwierigkeiten gegeben. Dies ist jedoch nicht zuletzt den Kompaniechefs zu verdanken, die auf die durch Enttäuschung, teilweise Unterbeschäftigung, unzureichende Versorgung und schlechte Witterung bedingte bisweilen schlechte Stimmung sehr klug reagierten.

Positiv vermerkt wurde vor allem die persönliche und freundliche Betreuung der Reservisten durch das Funktionspersonal des Panzerbataillons 164, insbesondere durch Hauptmann Friederich.

Auch der Kommandeur blieb von den Unbilden dieser Übung nicht verschont: Bei dem Versuch seiner Männer, die Novemberkälte mit Hilfe eines Strohfeuers zu vertreiben, wurde sein Gefechtsstandszelt ein Opfer der Flammen...«

Aus diesen Erfahrungen wurde gelernt, und der kritische Bericht des Bataillonskommandeurs unterstrich die eingangs erhobene Forderung nach einsatznaher, erlebnisorientierter und lebendiger Ausbildung des Personalersatzes.

Der spätere Oberst d.R. Dr. Hans Erhard Sulanke war 15 Jahre lang Kommandeur des Feldersatzbataillons 167/63 und damit unser erfahrenster Kommandeur, wie Brigadekommandeur Oberst Rolf Ocken sehr viel später anlässlich der Bataillonsübergabe feststellte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Führungspersonal des Bataillons jedoch in drei weiteren Mobilmachungsübungen und mehreren Dienstlichen Veranstaltungen zu bewähren:

Etwa zwei Jahre nach der Teilnahme an der Übung BRISK FRAY 77 erfolgte im Juni 1979 eine viertägige Weiterbildung des Führungs- und Funktionspersonals.

Ausbildungsziele waren die »Aus- und Weiterbildung im organisatorischen Ablauf der Aufstellung des Bataillons sowie als Führer im Gefecht in der Sicherung eines Raumes in der Tiefe...«, wie es im Befehl des G 3, Oberstleutnant i.G. Eckart Fischer, unseres späteren Brigadekommandeurs, hieß. Höhepunkte dieser fordernden Ausbildung war eine Rahmenübung im Raum Kayhude mit gut abgestimmten taktischen Einlagen, die von den Führern der Reserve taktisches Können und Flexibilität verlangten. Selbstverständlich wurde die abschließende feindliche Luftlandung durch entschlossenes Zupacken der 3./167 zerschlagen...

 Die taktische Weiterbildung stand bei der nächsten Mobilmachungsübung im Juli 1982 ebenfalls im Vordergrund, jetzt schon als Feldersatzbataillon 63. Den Mittelpunkt bildete dabei eine Planübung mit anschließender Geländebesprechung in der Nordheide. Die drei Jahre später im November 1985 stattfindende nächste Mobilmachungsübung diente der Weiterbildung in allen Führungsgrundgebieten. Höhepunkt war wiederum eine Geländebesprechung mit vorbereitender Sandkastenausbildung. Eine Stations- Gefechtsausbildung (Sicherung) sowie mehrere Lehrvorführungen rundeten diese sehr abwechslungsreiche Mob-Übung ab. Ein Schießen mit Handwaffen durfte natürlich nicht fehlen. Bei der Mobilmachungsübung im Oktober 1988 wurden ganz andere Wege beschritten. Neben dem Führungs- und Funktionspersonal wurden erstmals seit 1977 wieder Offiziere des Personalersatzes einberufen. Damit erhielt diese Mob-Übung den Charakter einer Führerweiterbildung. Die Übung hatte durch die Schwerpunktsetzung auf die Vermittlung von Informationen, flankiert durch ein Schulschießen mit Handwaffen und eine aufwendige Waffenschau, allerdings eher den Charakter eines Seminars denn einer Mobilmachungsübung, was allerdings auch der Absicht des Brigadekommandeurs, Oberst Rolf Ocken, entsprach. Im Juni 1989 ging die 15jährige »Ära Sulanke« schließlich zu Ende. Der Befehl des Brigadekommandeurs, Oberst Rolf Ocken, vom 8.6.1989 lautete dazu militärisch knapp: »Am Montag, dem 19. Juni 1989, wird der Brigadekommandeur das Kommando über das Feldersatzbataillon 63 von Oberstleutnant d.R. Dr. Sulanke an Oberstleutnant d.R. von Osten im Rahmen eines feierlichen Übergabeappelles übertragen.«

 Es folgt die Zeit der Kurzwehrübungen (dreimal jährlich!) und der rasch aufeinanderfolgenden Truppenwehrübungen (1991 und 1992). Es folgt aber auch die große Beförderungswelle: In den Jahren 1990 bis 1992 waren wir bei Offizieren und Unteroffizieren das Bataillon mit der höchsten Beförderungsquote aller Reservetruppenteile der gesamten Bundeswehr! Das war für den Korpsgeist unseres Haufens natürlich ungemein förderlich.

 Wie sah eine typische Kurzwehrübung aus? Sie fand am Wochenende in der Bose-Bergmann-Kaserne statt und dauerte zwei Tage (einmal jährlich drei Tage, also einschließlich Sonntag). Sie wurde in einer ca. dreiwöchigen Einzelwehrübung vorbereitet, geleitet, durchgeführt und nachbereitet durch den Bataillonskommandeur, Oberstleutnant d.R. Hartmut v. Osten, unterstützt durch Hauptfeldwebel Burkhardt Gäde, einem Aktiven, der im April 1989 von der Brigade als S 1-Fw für die Personalbearbeitung des Bataillons abgestellt war, und unterstützt durch einen kleinen Vorbereitungsstab wehrübender Reservisten. Auf die Unterstützung durch nicht zum Bataillon gehörendes aktives Personal, bzw. durch andere Dienststellen (Ausnahme: Material) wurde im Sinne der Weisung »Führungsverantwortung der Kommandeur der Reserve« (Inspekteur Heer) bewusst verzichtet. Motto: »Reservisten bilden Reservisten aus«.

 Am Freitagnachmittag rückten die Kameraden ein. Nach den obligaten »Präliminarien« (Verwaltungsangelegenheiten, Bekleidung, Abendessen, Begrüßung, Vorstellung, Einweisung) fand die Übung zunächst im Hörsaal statt: einführende Unterrichte, allgemeine Informationen zur Sicherheitspolitik bzw. aus den Führungsgebieten, Reservistenangelegenheiten (z.B. Beförderungsbestimmungen, Reservistenkonzeption, Wehrübungserlaß u.ä.m.). Nach dieser hochgeistigen Sturm- und Drangzeit bedurfte es dringend einer Entspannungsphase. Es folgte also der berühmte »Schulterschlußabend« (im Sommer als Feldbiwak) mit der Möglichkeit des Personalgesprächs mit dem Bataillonskommandeur.

 Der Samstag begann zumeist mit einer Waffenausbildung (die frische Luft tat allen gut). Nach erfolgter Auffrischung (waffen- und luftmäßig) ging es zurück in den Hörsaal. Dort in der Regel Beginn der Taktikausbildung mit dem Schwerpunkt »Schutz rückwärtiger Gebiete« und die Aus- und Weiterbildung auf dem recht komplizierten Gebiet der Durchführung des Personalersatzes, beides zunächst nur in der Theorie. Die praktische Umsetzung des soeben Erlernten erfolgte dann in einer Planübung »Objektschutz« und einer Planübung »Personalersatz«, die sich jeweils mit entsprechenden Lagefortsetzungen über mehrere Kurzwehrübungen erstreckten und als Höhepunkte in unsere Truppenwehrübungen als Geländebesprechung »Objektschutz« (natürlich mit Einlagen) und als Rahmenübung »Personalersatz« (jeweils ganztägig bzw. als 36-Stundenübung) einmündeten.

 

Nach soviel (angst-) schweißtreibender geistiger Tätigkeit war die Mittagspause eine willkommene Abwechslung. Am Nachmittag wurde dann die Arbeit in Arbeitsgruppen fortgesetzt mit Diskussion der Arbeitsgruppenergebnisse und Vortrag der »Leitungslösung« als Basis für die Lagefortsetzungen. Die Kurzwehrübung endete stets mit einer z.b.V.-Stunde des Kommandeurs, eingeschlossen Manöverkritik und Ausblick auf die folgende Kurzwehrübung oder Dienstliche Veranstaltung. Ende ca. 18.00 Uhr.

 

Dauerte die Kurzwehrübung drei Tage (einmal jährlich), wurde am Samstag ein wettbewerbsmäßiges Schulschießen auf der Standortschießanlage in Hohenhorn durchgeführt, getreu dem Motto: Jeder Reservist der Kampftruppen sollte mindestens einmal jährlich mit den leichten Infanteriewaffen seines Verbandes geschossen haben, zumindest aber mit seiner STAN-Waffe. Im Anschluss an das Schießen erfolgte dann die oben beschriebene Taktik-Ausbildung, lediglich unterbrochen durch einen zweiten Kameradschaftsabend und eine kurze Nachtruhe.... Am Sonntag um ca. 13.00 Uhr fiel dann endgültig der Vorhang - selbstverständlich nicht, ohne vorher noch ein Erinnerungsfoto geschossen zu haben.

 

Neben dieser internen Ausbildung nutzte das Führungs- und Funktionspersonal des Bataillons jede Gelegenheit, um durch Einzelwehrübungen oder anlässlich von Kurzwehrübungen Übungsvorhaben der Brigade aktiv als Teilnehmer oder passiv als Besucher zu begleiten. So konnte sich im August 1991 das Führungspersonal unseres Bataillons durch die Begutachtung von Gefechtsausschnitten der Brigadegefechtsübung GRÜNE EICHE 91 auf dem Truppenübungsplatz BERGEN taktisch weiterbilden.

 

Unser »Zuhause« seit Anfang 1992 war das Holzhaus Nr. 5 (H 5). Es beherbergte das Dienstzimmer des Kommandeurs, das Geschäftszimmer des Bataillons, Arbeitsräume für wehrübende Reservisten, es war Meldekopf und Anlaufpunkt, es bot ausreichend Unterkunft und zudem noch Räume für den Bataillonsgefechtsstand und die Kompaniegefechts-stände bei unseren Rahmenübungen; kurz: Es war unser militärisches Zuhause. Wenn die Übung vorbei war, die »Resis« gegangen waren und auch der Kommandeur seine Nachbereitungen abgeschlossen hatte, kehrte Ruhe ein ins Holzhaus Nr. 5.

Unser aktiver Kamerad Hauptfeldwebel Burkhardt Gäde hielt dann die Papierfront und - nahezu täglich - telefonische Verbindung mit seinem Kommandeur. Er hat durch sein Engagement und seine Begeisterungsfähigkeit für die Reservistenarbeit viel zum Zusammenwachsen des Bataillons bei- getragen. Nach vier vorbereitenden Kurzwehrübungen musste dann im April 1991 Farbe bekannt werden. Es folgte die erste Truppenwehrübung unter der neuen Bataillonsführung. Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung lagen wie bei den Kurzwehrübungen - aber zum ersten Mal bei einer Truppenwehrübung - völlig in den Händen des Bataillons. Mobilmachung und Demobilmachung erfolgten erstmals im Mobilmachungsstützpunkt in der Lettow-Vorbeck-Kaserne in Hamburg-Jenfeld.

 

Den Höhepunkt bildete eine 36stündige Rahmenübung »Personalersatz«, die die Kompanieführungsgruppen und den Bataillonsstab vor allem geistig forderte. Eine Gefechtsausbildung bei Nacht war hingegen mehr physisch prägend. Doch lassen wir einen Teilnehmer berichten. Das Wort hat der Chef der 5. Kompanie, Hptn d.R. Dr. Bernd Kirsten: »Was passiert eigentlich, wenn ein Feldersatzbataillon übt? Ausrüstungs- und Waffenempfang und mit Panzern oder Rad-Kfz auf den Übungsplatz oder Schulung und Seminaratmosphäre im Hörsaal? Bei Außenstehenden sind die Vorstellungen sehr verschieden. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.

 

Zunächst konnte mit dem Führungs- und Funktionspersonal nur das Stammpersonal des Bataillons einberufen werden, so dass der Personalersatz, der wesentliche Auftrag des Bataillons, nur mit den in »Personalersatzkreisen« berüchtigten Einzelkarteikarten geübt wer-den konnte. Das Feldersatzbataillon also eine Beamtenstube? Weit gefehlt. Obwohl auch nur begrenzt Fahrzeuge zur Verfügung standen und der Höhepunkt, eine 36-Stunden-Übung (angelegt vom Bataillon), als Rahmenübung im Kasernenbereich stattfinden musste, wurde mit taktischen Einlagen, die schnelle und präzise Entschlussfassung und Befehlsgebung erforderten, nicht gespart. Erhebliche Verluste der eigenen Truppe mussten ersetzt werden, aber auch vielfältige Sicherungsmaßnahmen geplant und einsickernder Feind bekämpft werden. Die Grundlagen für den Erfolg der Übung wurden in einer vom Bataillon gut geplanten Vorbereitung gelegt. Umfangreiche Briefings über den nicht gerade unkomplizierten Ablauf des Personalersatzes und eine detaillierte Erkundung im Gelände ostwärts Bargteheide - unserem GDP-Raum - gingen voraus.

 

Die in Folge erstellten Pläne für den Einsatz waren das Handwerkszeug für die Rahmenübung. Neben dem Personalersatz und den taktischen Sicherungsaufgaben wurde auch der dritte große Bereich der Ausbildung nicht vernachlässigt. Waffenschau und Einweisungen bei mehreren Truppenteilen der Brigade frischten die Kenntnisse für die Ausbildung des Personalersatzes auf. So muss die Kompanieführung einer Feldersatzkompanie so vielfältige Aufgaben lösen wie Personalersatz auswählen und in Marsch setzen, einen Plan für die Sicherung einer Hauptversorgungsstraße mit Alarmposten, Streifen und Stellungen für Handwaffen erstellen und die Ausbildung von 8 Panzerbesatzungen an einen ausgefallenen Kampfpanzer planen und leiten. Auch wenn manch erprobter Reservist aus der Kampftruppe noch härter gefordert werden wollte, waren doch alle bis zum letzten Mann mit der Vielfältigkeit des Übungsverlaufs hoch zufrieden. Natürlich durfte auch eine umfangreiche Schießausbildung mit kleinem Wettkampf nicht fehlen (so viel Munition pro Mann hatten viele in der aktiven Zeit kaum erlebt) oder eine Betreuungsfahrt diesmal in das Schwerin kurz nach der Wende. Zwar wunderte man sich über die vielen verschiedenen Farben der Baretts im Stadtbild, Markenzeichen des Feldersatzbataillons, nahm die Wessis aber freundlich auf.

 

Eine glückliche Terminplanung wollte es im Übrigen, dass während dieser Truppenwehrübung die Übergabe der Brigade von Brigadegeneral Rolf Ocken an Oberst Eckart Fischer erfolgte und das Bataillon eine starke Abordnung stellen konnte. Nach kurzer Formalausbildung klappte alles auch ganz hervorragend. Alle Redner sprachen das »Reservistenbataillon« direkt an, auch der Divisionskommandeur, Generalmajor von Falkenhayn, was uns schon mit ein klein wenig Stolz erfüllte.«

 

Eine kleine Begebenheit am Rande unserer Rahmenübung »Personalersatz« soll nicht unerwähnt bleiben: Der stellvertretende Brigadekommandeur, Oberst Uwe Meurer, erschien zu sehr später Stunde auf dem Bataillonsgefechtsstand zur Dienstaufsicht. Der Oberst, ein Infanterist alter Schule, studierte besonders sorgfältig die Lagekarte des S 2 und entdeckte dabei das merkwürdige Kürzel KGS. Natürlich war dem Bataillonskommandeur die deutlich sichtbare Irritation des stellvertretenden Brigadekommandeurs und der Gegenstand dieser Irritation nicht entgangen. Er meldete also forsch: »Herr Oberst, das ist der Kriegsgefangenensammelpunkt. Wie Sie wissen, hat das Bataillon im Krieg den zusätzlichen Auf-trag ....« »Nein, nein!« unterbrach ihn energisch der S 2, »das heißt Kompaniegefechts-stand!« Es versteht sich, dass bei den folgenden Kurzwehrübungen die Themen »Führen der Lagekarte« und »Taktische Zeichen« einen hohen Stellenwert einnahmen.

Vier Kurzwehrübungen und zahlreiche Dienstliche Veranstaltungen später konnten wir im September 1992 in der letzten Truppenwehrübung des Bataillons fast genau ein Jahr vor dessen Auflösung unser Können noch einmal unter Beweis stellen. Das Reservistenmagazin »Loyal« (Nr. 2/93) geizte unter der Überschrift »Letzte Truppenwehrübung Feldersatzbataillon 63« nicht mit Lob: Lassen wir aber hier einen Teilnehmer, den Chef der 4. Kompanie, Oberleutnant d.R. Felix Ludwig Peter, berichten:

 

»Das Feldersatzbataillon 63 hat im September 1993 seine letzte Truppenwehrübung durch-geführt und alle kamen. Vom Hafenarbeiter bis zum Akademiker hatte dieser »bunte Haufen« (nicht nur bezogen auf die Barettfarben) eine Woche lang unter Beweis zu stellen, dass auch Reservisten ganze Arbeit leisten können.

 

Sowohl in allgemein-militärischer Hinsicht als auch im Bereich des Personalersatzwesens galt es, Kenntnisse aufzufrischen und zu vertiefen. Unterrichte, eine bis tief in die Nacht dauernde Planübung Personalersatz, eine fordernde Geländebesprechung sowie ein Schießen mit Handwaffen bildeten das militärische Rahmenprogramm. Natürlich kam auch die »Schulterschlußkomponente« nicht zu kurz. So fanden zwei feuchte Kameradschaftsabende statt, bei denen das Bataillon eng zusammenrückte (einige Kameraden brauchten auch die beiderseitige Anlehnung...). Gekrönt wurde die Truppenwehrübung durch eine Betreuungsfahrt nach Schwerin (die dabei durchgeführte Schiffsfahrt auf dem Schweriner See diente einigen Kameraden dazu, die Stadt auch hinsichtlich ihrer örtlichen Spirituosenspezialitäten näher kennenzulernen, so dass der Bus auf der Rückfahrt an jeder Raststätte anhalten musste).

 

Am Ende konnten wir Reservisten mit Stolz auf eine Übung zurückblicken, bei der wir in jeder Hinsicht viel geleistet und erlebt haben. «

 

Die Geländebesprechung war hinsichtlich der Taktikausbildung zweifellos der Höhepunkt. Bis zur Außerdienststellung unseres Bataillons am 30.9.1993 war es noch ein Jahr, also wurde unverdrossen weiter ausgebildet. In weiteren drei »Zusammenziehungen« - jetzt allerdings in Ermangelung von Wehrübungstagen nicht mehr als Kurzwehrübungen, sondern als Dienstliche Veranstaltungen - wurde der Schwerpunkt gesetzt auf die Feldersatzkompanie in der Heeresstruktur 5 (Taktik/Personalersatz) und auf die Bearbeitung der neuen Reservistenkonzeption und des Wehrübungserlasses. Ursprünglich war geplant, im Rahmen der Einnahme der Heeresstruktur 5 die Reservisten unseres Bataillons in die neu aufzustellenden Feldersatzkompanien der Stamm- und Aufwuchsbataillone der Brigade zu überführen. Die Entscheidung des Bundesministers der Verteidigung über die Auflösung der Brigade vom 15.12.1992 machte diese Planung zunichte. Erfreulicherweise nahm jedoch die Heimatschutzbrigade 40 »Mecklenburg« in Schwerin unseren Vorschlag zur Übernahme des Führungspersonals an. Damit werden unsere Reservisten, die weitermachen wollen, im Osten ihre neue militärische Heimat finden. Das Bataillon hat von 1990 bis zur Auflösung im September 1993 die Kurzwehrübungen, Truppenwehrübungen und DVag statistisch aus-gewertet: In diesen vier Jahren wurden 13 Wehrübungen/DVag des Führungs- und Funktionspersonals durchgeführt; die durchschnittliche Teilnahmequote betrug erstaunliche 88 %, wobei die Kurzwehrübungen im März 1991 und im Februar 1993 mit jeweils 93 % die höchste Beteiligung aufwiesen.

Am 18. September 1993 war es dann leider soweit. In einem würdigen und stilvollen Feldappell auf dem Truppenübungsplatz BERGEN entließ der Brigadekommandeur, Oberst Eckart Fischer, das Feldersatzbataillon 63 aus seinem Auftrag. Das Besondere und wohl Einmalige an diesem Appell war die Teilnahme einer starken Abordnung aller aktiven Truppenteile der Heimatschutzbrigade 40 »Mecklenburg«. Die Abordnung wurde angeführt vom Oberstleutnant Schulke, dem S 1-Stabsoffizier der Brigade, dem für sein überaus engagiertes Eintreten für die Aufnahme unseres Führungspersonals in die Heimatschutzbrigade 40 unser besonderer Dank gilt. Es war eine Szene von hohem Symbolwert, als nach dem Feldappell die Soldaten der Brigade 40 mit den Soldaten unseres Bataillons die Verbandsabzeichen tauschten -- eine großartige Idee von Oberstleutnant Schulke, die mehr als Worte deutlich machte, dass dies kein Ende war, sondern ein Neuanfang.

Im Rahmen des Feldappells zeichnete der Brigadekommandeur bzw. der Bataillonskommandeur einige besonders verdiente Soldaten der Reserve durch Förmliche Anerkennungen aus: Oberstleutnant d.R. Hartmut v. Osten, Oberstleutnant d.R. Wulf-Henning Reichardt, Oberleutnant d.R. Felix Ludwig Peter, Stabsfeldwebel d.R. Hans-Dieter Barz, Hauptfeldwebel d.R. Ingo Arnold, die Oberfeldwebel d.R. Wilfried Grimm, Harry Kernpert, Ferdinand Rasch, Olaf Bahr und Andre Schator (dem frisch Beförderten) sowie den Stabsgefreiter d.R. Marcus Lux. Der stellvertretene Bataillonskommandeur dankte den Soldaten des Feldersatzbataillons 63 für ihr fast vollständiges Erscheinen: »Dieser prächtige Geist verdient hohen Respekt und er beschämt alle jene, die behaupten, dass Reservisten in unserer materialistisch-egoistisch orientierten Zeit nicht mehr zu motivieren seien. Sie, das Führungs- und Funktionspersonal unseres Bataillons, haben in den letzten Jahren einen Korpsgeist entwickelt, der seinesgleichen in nichtaktiven wie aktiven Truppenteilen sucht. 

Wenn jetzt unser Bataillon im 31. Jahr seines Bestehens außer Dienst gestellt wird, so ist das überhaupt kein Grund zum Trauern: Das Bataillon kann mit Stolz auf seine Vergangenheit zurückblicken. Wir haben unsere Pflicht als Soldaten der Reserve getan!«

Oberstleutnant d.R. Hartmut von Osten beendete seine Ansprache mit einem Dank an alle ehemaligen und derzeitigen Soldaten unseres Bataillons und seiner zivilen Mitarbeiter, mit den Worten: »Kameraden, wir haben anständig gearbeitet und anständig gefeiert. Alles zu seiner Zeit. Jetzt ist es an der Zeit, dass wir mit Stolz und Überzeugung melden können: Auftrag ausgeführt! «

Der Brigadekommandeur würdigte die Leistungen unseres Verbandes unter anderem wie folgt: »Jeder an seinem Platz wusste, was er zu tun hatte, was wo zusammenlief. Mit seinen Erfahrungen hat das Bataillon wesentliche Anstöße gegeben für die Erarbeitung geeigneter Organisationsmaßnahmen und -strukturen im Personalersatzwesen. Aus Sicht der Brigade stelle ich fest, das Bataillon konnte seinen Auftrag erfüllen. Ein Verband gewinnt Leben, Kraft, Fähigkeit erst durch die Einsatzbereitschaft, den Willen zur Leistung, den Zusammenhalt seiner Männer; und dies ist, was das Besondere unseres Feldersatzbataillons war und ist: - wo sonst gibt es Truppenwehrübungen mit einer Teilnahmequote von 90 und mehr Prozent, - wo sonst gibt es bei dichter Folge von Kurzwehrübungen des Führungs- und Funktionspersonals eine Teilnahmequote von 80 bis über 90%! Das zeigt das »Wir-Gefühl«, den Korpsgeist dieses Verbandes am deutlichsten, beweist, wie sehr dieses Bataillon militärische Heimat, aber auch persönliche Verpflichtung war.«

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Weitere Bilder des Feldersatzbataillons 63 finden sich im Fotoalbum unter:

Fotoalbum