BZ berichtet über General Ocken aus Anlass des Mauerfalls

von sku (Kommentare: 0)

Wentorf. Eine Mauer im Kopf und Herzen zwischen Ost und West noch nach 20 Jahren? Rolf Ocken kann sie nicht sehen. Der einstige Kommandeur der Panzergrenadierbrigade Wentorf hatte im Oktober 1990 die Aufgabe, die DDR-Grenztruppen zu entwaffnen und aufzulösen, Minen zu suchen und die Mauer abzubauen. Der 69-Jährige lebt heute in St. Augustin.

Herr Ocken, warum wurde gerade Ihnen diese Aufgabe übertragen?
Weil der damalige Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg der Ansicht war, dass ich jemand bin, der die Ärmel hochkrempelt und mit den Menschen redet. Und ich bin dafür bekannt, improvisieren zu können. Ohne Improvisation war es kaum möglich, die bevorstehenden Aufgaben zu bewältigen.

Dazu zählte, in nur zwei Monaten – vom 3. Oktober bis zum 2. Dezember 1990, dem Tag der ersten freien Wahlen – die Mauer innerhalb des bebauten Stadtkerns von Berlin verschwinden zu lassen. Bei rund 22.500 Mauersegmenten eine Mammutaufgabe, zumal Ihnen die Arbeitskräfte massenweise davonliefen.
Das stimmt. Von den anfangs 50.000 Angehörigen der DDR-Grenztruppen hatten sich am Tag nach der Wiedervereinigung nur rund 5600 für die Arbeit bereit erklärt. Die anderen wurden von Baufirmen – in Berlin war gerade der Bauboom ausgebrochen – abgeworben. Dennoch habe ich mich gefreut, dass sie in Lohn und Brot waren. Für meine Arbeit kam erschwerend hinzu, dass es an geeigneten Maschinen wie Radladern und Kränen fehlte. Ab Mitte November halfen Pionierkräfte der Bundeswehr, dass der straffe Zeitplan eingehalten werden konnte. Wir haben Tag und Nacht gearbeitet. Der trockene und milde Herbst und Winter taten ihr Übriges. Am 30. November 1990 haben wir in der Berliner Provinzialstraße das letzte Mauerelement weggenommen. Der Auftrag war erfüllt.

Mit den DDR-Grenztruppen haben also diejenigen die Mauer beseitigt, die sie vorher bewacht hatten?
Ja, und ich kann sagen, dass die Stimmung unter den ehemaligen NVA-Offizieren und Unteroffizieren bedrückt war. Sie hatten das Gefühl, dass die politischen Belastungen der DDR überproportional auf ihrem Rücken ausgetragen wurden. Doch trotz aller Lasten zeigten sie sich sehr kooperativ. Sie haben ihre Arbeit gut gemacht.

Anschließend erhielten sie den Befehl, die Mauerteile zu verkaufen. Der Erlös sollte den Verteidigungshaushalt entlasten, aus dem der Mauerabbau finanziert wurde. Wohin wurden die Segmente aus Beton, Stahl und Asbest verkauft?
Nach Deutschland und in die ganze Welt. Wir haben sogar Teile zu einem Restaurantbesitzer nach Japan und an ein Unternehmen in Indonesien verschifft. Die ersten 100 Elemente gingen an den Berliner Hafen. Ein Großteil aber wurde zerschreddert und unter anderem im Berliner Ring verbaut. Der Erlös war aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Wie viel musste man für ein 3,20 Meter hohes, drei Tonnen schweres Mauerstück ausgeben? Das war sehr unterschiedlich und hing vom Zustand und der Art der Bemalung ab. Feste Preise gab es nicht. Das fing bei 40 Mark an ging bis zu mehr als 500 Mark. Doch wir haben nicht nur Mauerstücke, sondern auch Bogenlampen und Kupferdraht der Grenzanlagen verkauft. Denn der Abbau der 1300 Kilometer langen Grenzanlage von der Ostsee bis zur tschechischen Grenze samt Beobachtungstürmen, Kommandostellen, Kolonnenwegen und Kfz-Sperrgräben gehörte ebenfalls zu meinen Aufgaben. Genauso wie das Räumen von Minen. Die DDR hatte damit zwar begonnen, aber unser Vergleich der Verlege- und Aufnahmedokumente ergab, dass mehr als 30 000 Minen fehlten. Die Suche hat Jahre gedauert. Wir haben genau 1001 Minen aufgespürt, meist per Hand.

Wo werden Sie dieses Jahr den 3. Oktober feiern? Wahrscheinlich in Berlin. Auf jeden Fall werde ich mich an die spannendste Zeit in meinem Leben erinnern. Ich bin heute noch dankbar, dass ich diese Aufgabe übertragen bekommen habe. Wo ich ging und stand, waren die Menschen sehr glücklich, dass die Grenze endlich wegkam. Dass, wie viele sagen, die Mauer in Hirn und Herz noch da ist, das habe ich damals nicht so empfunden und heute erst recht nicht.

*Der Traditionsverband der Panzergrenadierbrigade 16 zeigt Montag, 28. September, einen Film über den Abbau der Grenzanlagen. Beginn ist um 19.30 Uhr im Restaurant „Zur Alten 16“, Hamburger Landstraße 28b.

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