Das Ehrenmal der Bundeswehr

von sku (Kommentare: 0)

Eine meiner ersten Dienstreisen als Bundesminister der Verteidigung führte mich im Dezember 2005 nach Afghanistan. Ich war beeindruckt, mit welcher Professionalität unsere Soldatinnen und Soldaten dort ihren Dienst tun und wie sie sich den Gefahren stellen, die mit dem Einsatz verbunden sind. Unser Engagement dort und an anderen Orten ist wichtig und notwendig im Sinne einer umfassenden und vorausschauenden Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Besonders berührt hat mich ein eher unscheinbarer, von unseren Soldaten in Eigeninitiative errichteter Gedenkstein in Kabul, der an die Toten des deutschen Isaf-Kontingents in Afghanistan erinnert. Dies gab für mich den Ausschlag für die Frage, ob wir nicht einen zentralen Erinnerungsort brauchen, um derer zu gedenken, die infolge der Ausübung ihrer Dienstpflichten für die Bundesrepublik Deutschland ums Leben gekommen sind. Wenn wir heute den Grundstein für das Ehrenmal legen, dann tun wir dies im Bewusstsein, dass auch ein Meilenstein in der Geschichte der Bundeswehr gesetzt wird. Grundlage für den Bau ist der Entwurf des Münchner Architekten Andreas Meck. Seine Konzeption des Ehrenmals hat vor allem überzeugt, weil es Funktionalität und Ästhetik anschaulich miteinander verbindet und so einen würdigen Raum des öffentlichen Gedenkens und der privaten Trauer schafft. Der Bau ist ein räumlich erlebbares Gesamtkunstwerk, das durch die klare Symbolik besticht und auf komplexe, nur schwer zu entschlüsselnde Strukturen verzichtet. Die schlichte Form und der gezielte Einsatz von Materialien helfen dem Besucher, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das Ehrenmal stellt einen direkten Bezug von Bundeswehr und Gesellschaft her. Es verdeutlicht das Besondere des soldatischen Dienstes: die Erfüllung eines Auftrags, der in letzter Konsequenz den Einsatz des eigenen Lebens fordern kann. Und es verweist schließlich auf das Fundament soldatischen Dienens in unserem Land: die Ordnung des Grundgesetzes.

Das Ehrenmal ist durch verschiebbare Wände so gestaltet, dass es für alle Bürgerinnen und Bürger öffentlich zugänglich sein wird. Bei zeremoniellen Veranstaltungen im Bundesministerium der Verteidigung können diese Wände geschlossen werden. Der rechteckige Baukörper wird von einem hell schimmernden Bronzekleid ummantelt, aus dem die halbovalen Formen gebrochener Erkennungsmarken herausgestanzt sind.

Alle Soldatinnen und Soldaten tragen im Einsatz eine ovale Erkennungsmarke. Die halbe Erkennungsmarke verweist als abstrakte Chiffre auf den Soldatentod. Im Innern wird sich neben einer größeren Halle ein schwarz gehaltener, entmaterialisierter Raum befinden. Diese „Cella“ schließt mit einer aufgekanteten Bodenplatte, die sinnbildlich für das Leben steht, das durch den Tod aus den Fugen geraten ist. Die „Cella“ soll ein Ort der Stille und der Trauer sein: für Familie, Freunde, Kameraden und jeden Bürger, der den im Dienst gestorbenen Angehörigen der Bundeswehr die Ehre erweisen möchte. Die Namen der Toten werden würdig in Form einer Lichtinstallation genannt.

Die Soldatinnen und Soldaten werden in ihrem Diensteid verpflichtet, der Bundesrepublik treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. Das Besondere des soldatischen Dienstes zeigt sich auch in dem unverzichtbaren militärischen Prinzip von Befehl und Gehorsam. Die Pflicht zum treuen Dienen geht dabei so weit, dass sie auch die Bereitschaft einschließt, wenn es sein muss, das eigene Leben einzusetzen. In den vergangenen Monaten haben wir mehrmals auf schmerzliche Weise die Konsequenzen dieser Forderung erfahren müssen. Staat und Gesellschaft verlangen einen schwierigen und oft gefährlichen Auftrag von ihren Soldaten.

Deshalb ist es unsere Aufgabe, alle in ehrender Form in Erinnerung zu behalten, die in der Ausübung ihrer Dienstpflichten ihr Leben gelassen haben, und es entspricht unserem bundeswehrgemeinsamen Verständnis, dass wir die Soldaten und die zivilen Angehörigen der Bundeswehr gleichermaßen berücksichtigen.

Seit Gründung der Bundeswehr im Jahr 1955 haben mehr als 2900 Männer und Frauen im Dienst ihr Leben verloren. Der größte Teil davon sind Soldatinnen und Soldaten. Aber auch zivile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind dazuzurechnen, insbesondere die Angehörigen der Wehrverwaltung. Die meisten sind durch tragische Unfälle gestorben oder, wie jüngst in Afghanistan, gefallen im Einsatz für den Frieden.

Die Erinnerung an die Toten zählt seit Beginn zu den Aufgaben unserer Bundeswehr. Die Teilstreitkräfte Heer, Luftwaffe und Marine haben eigene Ehrenmale: das Heer für seine Soldaten seit 1972 auf der Festung Ehrenbreitstein, die Luftwaffe für die Opfer der Luftwaffe und der zivilen Luftfahrt in Fürstenfeldbruck seit 1962 und die Marine mit dem vom Deutschen Marinebund 1954 übernommenen Ehrenmal in Laboe. Diese Ehrenmale stammen aus einer anderen Zeit. Mit dem jetzt entstehenden Ehrenmal der Bundeswehr finden wir zu einer zeitgemäßen und bundeswehrgemeinsamen Erinnerung. Das Ehrenmal der Bundeswehr steht in der Tradition von Streitkräften in der Demokratie.

Mit dem Berliner Dienstsitz des Bundesministeriums der Verteidigung haben wir einen geeigneten Standort für das Ehrenmal der Bundeswehr gefunden. In Berlin werden die grundlegenden Entscheidungen von Regierung und Parlament getroffen, und im Berliner Dienstsitz des Bundesministeriums der Verteidigung, dem Bendlerblock, werden diese Entscheidungen für die Bundeswehr umgesetzt. Das Ehrenmal fügt sich in die Landschaft der Denkmäler und Gedenkstätten der Hauptstadt ein. Die räumliche Nähe zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand, auf der anderen Seite des Bendlerblocks, hat dabei eine besondere Bedeutung. Der militärische Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist im Traditionsverständnis der Bundeswehr von zentraler Bedeutung.

Durch ausreichenden Abstand zur Gedenkstätte wird deutlich gemacht, dass diese Tradition durch das Ehrenmal weder berührt noch relativiert wird. Das Ehrenmal steht vielmehr für die Bundeswehr von heute: eine Bundeswehr, die eine eigene Geschichte hat, auf die wir mit Fug und Recht stolz sein können, und die heute, stärker als bisher, diese eigene Geschichte für ihre Tradition entdeckt.

Wir schaffen mit dem Ehrenmal einen zentralen Ort des Gedenkens für alle Männer und Frauen der Bundeswehr, die infolge der Ausübung ihrer Dienstpflichten für die Bundesrepublik Deutschland gestorben sind, und einen Ort der öffentlichen und privaten Erinnerung und Trauer. Wer sein Leben für den aktiven Schutz unserer Werte verloren hat, darf nicht vergessen werden. Die Widmung des Ehrenmals fasst dieses Bekenntnis programmatisch zusammen: „Den Toten unserer Bundeswehr. Für Frieden, Recht und Freiheit“

Der Autor ist Bundesminister der Verteidigung

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