Das G3 Gewehr und die Schießausbildung

von sku (Kommentare: 0)

Die Reinigung und Pflege der Braut des Soldaten hatte oberste Priorität, wie jeder Soldat weiß. Von daher ist wohl der alte Ausspruch : „Da sind ja Elefanten im Lauf!“ möglicherweise auch heute noch aktuell.

Interessant auch in diesem Zusammenhang die diesbezügliche Dienstplangestaltung. Vor der Mittagspause eine Stunde Waffenreinigung. Nach der Pause dann für eine Stunde ein Verdauungsspaziergang Richtung Wentorfer Lohe. An einer ganz bestimmten Stelle des Weges war es beiderseits des Weges sehr feucht und morastig. Genau an dieser Stelle trat dann immer der sogenannte Ernstfall ein, und zwar in seiner schlimmsten Form. Der Gegner hatte eine Atombombe auf Hamburg abgeworfen, was nur vom Ausbilder optisch zur Kenntnis genommen wurde. Es kam also das Kommando : >Lichtblitz< was uns veranlasste, reflexartig einen Hechtsprung in die Gräben zu machen. Die Radioaktivität verzog sich dann blitzartig und wir durften in der Kaserne erneut unsere G3 Gewehre reinigen.

In der 4. Kompanie hatten wir im Winter eine besondere Methode der Reinigung. Im Waschraum kam sehr heißes Wasser aus der Leitung und die Gewehre wurden nach der Nassreinigung auf die Heizkörper gelegt. Diese Vorgehensweise wurde leider enttarnt. Wir hielten diese Methode für optimal und die Methode wurde auch nicht direkt untersagt, aber der GvD hatte den Raum abzuschließen sobald wir in Sichtweite waren.

Noch schöner war der Große Waffen-Appell. Die Vorgesetzten saßen an Tischen im Lichthof und wir hatten das gereinigte G3 voll zerlegt jeweils auf einem Stuhl dabei. Im Flur in Reihe wartend, wurden wir dann einzeln aufgerufen und jedes Teil des G3 wurde jeweils von einem Vorgesetzen geprüft. Dabei entstand folgender Trick : Das erste Gewehr welches völlig unbeanstandet durch die Prüfung lief, wurde an den nächsten Kameraden im Flur weitergegeben. Auch diese Nummer ist leider nicht besonders lange gelaufen, aber wurde wegen des kurzfristigen Erfolges als ein sehr intelligentes Täuschungsmanöver bewertet. Also abgehakt und vergessen ohne Konsequenzen. 


Es kam öfter vor, dass Kompaniechefs ihre GvDs losschickten mit Meldungen an den Kompaniechef der 4. Kompanie. Das waren wohl interne Spielchen und meist sehr lustig. Anbei eine dieser Meldungen im Zusammenhang mit dem Gewehr G3

GvD der 3. Kompanie trabt über den Ex-Platz zur Meldung an Hauptmann Windels 4./162

Meldung : „Mein Kompaniechef lässt ihnen mitteilen, dass 3 ihrer Grenadiere schlafend auf der Grünfläche rechts ihres Kompaniegebäudes liegen!“

Hauptmann Windels Rückmeldung dazu : „Teilen sie ihrem Chef mit, dass meine Leute am Tag nie schlafen und das es sich bei den 3 Rekruten um meine besten Schützen bei Zielübungen handelt!“

Ausbildung an der Waffe hatten wir reichlich und satt, wir haben sehr viel geschossen. Sogar eine Gewehrgranate haben wir einmal verfeuert. 

Auf einer anderen Anlage haben wir einmal sogar ohne Schießbefehl scharf geschossen. Das passierte wie folgt :
Wir waren auf einer kleinen Anlage und sollten im Dunkeln auf bewegliche Scheiben schießen, die horizontal ziemlich schnell von rechts kommend irgendwann auftauchen sollten. Eine Gruppe lag bereits flach und hatte die Gewehre im Anschlag. Es war Leuchtspur-Munition ausgegeben worden, es wurde langsam dunkler. Im letzten Restlicht kam ein großer dunkler Vogel kreisend herab. In dem Moment als der Vogel mit seinen Füßen den Boden berührte, gab es einen einzigen Knall. Die Gruppe hatte gleichzeitig je einen einzelnen Schuß abgegeben ohne Feuerbefehl. Von dem Vogel war nicht viel übrig geblieben und der Effekt der bei der Aktion durch die Leuchtspur-Munition entstand, war optisch für uns neu. Es herrschte für einen Moment absolute Stille, und wir erwarteten die Stimme unseres Herrn. Zu unserer Verblüffung passierte nichts, tiefster Friede über dem Land . 
Des Rätsels Lösung :
Der Vorgang war von anwesenden höheren Offizieren der Streitkräfte anderer Nato-Partner mit beobachtet worden und anscheinend als tolle Aktion bewertet worden. Demzufolge fachsimpelten die höheren Kollegen untereinander erst einmal angeregt und unsere Anwesenheit wurde vorübergehend völlig vergessen. 

Anmerkung:
Das war er, der perfekte Feuerüberfall, wie bereits in der Grundausbildung gelernt. Wir haben auch später zu dem Vorfall nichts mehr gehört und hatten manchmal den Eindruck, als ob unser Kompaniechef derartige Entgleisungen insgeheim vielleicht sogar mochte. In der 4./162 war ja vieles anders als in anderen Kompanien.

Höhepunkt unserer Schießausbildung war ein Gefechtsschießen auf einer Anlage welche Die Waldkampfbahn genannt wurde. Ursprünglich sollten wir jedoch auf eine Anlage, welche Das Russische Dorf genannt wurde. Es war sehr realistisch, in Schützenkette rückten wir aufrecht durch ein Waldgebiet. Wir hatten pro Mann 100 Schuss Munition und wurden hinten am Koppel jeweils von einem Offizier festgehalten. Dies um sicherzustellen, dass die Kette gerade blieb. Wir schossen also auf auftauchende Scheiben und die MGs hatten keinen Schießbefehl. Dann kamen wir an Schützengräben und feuerten auf aufklappende Mannscheiben, welche verstreut und in diversen Entfernungen auf einer vor uns liegenden weiten freien Fläche auftauchten. Das war toll, da wurde Adrenalin frei. Natürlich ging auch diese Veranstaltung nicht ohne das für die 4. Kompanie obligatorische schwerwiegende Vorkommnis ab. Wie bedeutend später festgestellt wurde, hat einer unserer MG-Schützen sich statt der Mannscheiben ein anderes Ziel auserkoren. In cirka 500 Meter Entfernung und seitlich an der freien Fläche befand sich ein Erdbunker aus Beton. Dort ein kleiner Garten, umrandet mit einem Jägerzaun aus Holz. Von dem Jägerzaun blieben nur winzige Holzsplitter übrig. Untersuchungen blieben erfolglos wegen Mangel an Beweisen, obwohl sich intern jeder denken konnte, wer da den Finger am Drücker hatte. In der Waffenkammer wurde bei einem MG ein ausgeglühtes Rohr entdeckt. Da hatte wohl jemand im Eifer des Gefechtes den Rohrwechsel verpennt, und der Wehrsold für die nächsten Monate veringerte sich durch angebotenene bequeme Ratenzahlung per automatischer Abbuchung. 

Technische Information:
Anfangs waren wir mit alten G3 Modellen ausgerüstet. Bei diesen war das Griffstück und das Schulterstück noch aus Holz. Außerdem waren die Gewehre durch den Gebrauch derartig verzogen, dass man damit keinen Blumentopf gewinnen konnte. Teilweise stand deshalb auf dem Schulterstück aufgemalt die Information über den Haltepunkt. Nach und nach bekamen wir neue Gewehre oder Griffstück und Schulterstück wurden ausgetauscht und waren dann aus Kunsstoff. Bei vielen der Gewehre war zudem durch ständiges Putzen die Brünierung von den Metallteilen verschwunden. Mein Kamerad Günther hatte ein G3 welches in der Kompanie Die alte Silberbüchse genannt wurde.

Streng vertrauliche Information wie man Schießwettbewerbe gewinnt :
Für ein total unbrauchbares (oder unbrauchbar gemachtes) G3 wurde Ersatz angefordert. Dieses kam dann originalverpackt ab Werk und wurde wie ein rohes Ei behandelt. Das Gewehr schoß ja perfekt, weil es noch nie von einem Rekruten vor Wut gegen einen Heizkörper geworfen worden war. Nur mit diesem Gewehr wird dann auf der Bahn geschossen, wodurch die Steigerung der Anzahl von Schützenschnur-Trägern vorprogrammiert ist.

Einmal allerdings ist die 4. Kompanie waffentechnisch negativ in die Schlagzeilen geraten. Ein Pz.-Gren. war mit scharfer Munition im G3 in Richtung UvD Zimmer unterwegs um diesen zu erschießen! Ein Kamerad (oder möglicherweise der damalige GvD) versuchte dies zu verhindern. Bei der Rangelei im Flur vor dem UvD Zimmer löste sich beabsichtigt oder unbeabsichtigt ein Schuß. Das Geschoss schlug unten in die Wand in den umlaufenden Kachelschild und prallte von da ab.

Die Hamburger Bild Zeitung damals auf der Titelseite : Ein Soldat drehte durch !

Anmerkung: Für uns völlig unverständlich, der betroffene UvD war bei uns sehr beliebt. 

   


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