Mit dem MTW im Einsatz

von sku (Kommentare: 0)

Gefechtsübung in großem Umfang. Im Frühdunst und Nebel hintereinander auf einer schmalen Asphaltstraße unterwegs. Ich war Fahrer im zweiten MTW und plötzlich war der mir vorausfahrende Chef-MTW optisch verschwunden. Einen abzweigenden Weg hatte ich auch nicht gesehen, also habe ich beschleunigt um aufzuholen. Beiderseitig der Straße in Deckung befindliche Soldaten, die uns irgendetwas zuriefen und aufgeregt winkten. Wir grüßten und winkten huldvoll zurück, ohne die Fahrt zu verlangsamen. Urplötzlich im Nebel die Umrisse eines Hauses auf 10 Uhr und quer über der Straße die verschwommene Silhouette eines großen Kampfpanzers. Dann ging alles sehr schnell: Vollbremsung - Lichtblitz – Knall und wie ein Gespenst kam von links aus dem Dunst ein Schiedsrichter, welcher uns alle für tot erklärte, begrenzt auf einen Zeitraum von 4 Stunden. Das Gebäude entpuppte sich als alter Dorfkrug (Gasthaus). Ein netter ranghoher Offizier mit einem lila Schal bot uns Zigaretten an. Später erfuhren wir, dass dieser Offizier der ranghöchste Militärgeistliche der Bundeswehr war.

Bei einer weiteren Aktion fuhren wir wie befohlen in Angriffsformation über ideales Panzergelände. Trotz Lärm und Rauch war da noch ein anderes Geräusch und ich sah einen Schiedsrichter der links neben meinem MTW herlief und dabei diese Styropor-Knaller (DM1) vor den MTW warf. Dieses als die höfliche Andeutung, dass wir erneut erledigt waren. Auf einer Anhöhe standen diverse Flak-Panzer und dann kamen lila Leuchtraketen. Der Kommandant meines MTW (nicht aus dem Bataillon 162 wie ich glaube) meldete im Funkverkehr folgendes : „Übungsende rettet uns vor Heldentod.“ Wir haben später gehört, dass es wegen dieser Bemerkung Ärger gegeben hat. 

Für eine Überquerung der Weser per MTW bei der sog. Weser-Übung 1968 haben wir vorher an der Elbe Nähe Geesthacht Schwimmübungen veranstaltet. (Hierzu sind Photos vorhanden) Bei der Weser-Übung selbst fiel die geplante Überquerung aber buchstäblich ins Wasser. Uns wurde berichtet, das ein MTW Fahrer unerlaubt ins Wasser gefahren war. Dies an steilem Ufer und ohne das vordere sogenannte Schwallbrett in Position und mit offenen oberen Klappen. Den Rest kann man sich vorstellen, aber alle Beteiligten wurden durch eine mutige Aktion gerettet. Die Überquerung fand ersatzweise nachts auf einer Pontonbrücke statt. Große Schlauchboote mit Außenbordmotoren bildeten die Brücke und durch Kommandos und mit Hilfe der Motoren wurde die Brücke in gerader Position gehalten. Für uns ein unglaubliches Erlebnis und eine tolle Leistung der Pioniere der entsprechenden Einheit.  

Irgendwann und irgendwo in der Lüneburger Heide 
Es gab in dem Gelände dort eine Panzerstraße aus Beton und daneben eine Schlammpiste mit teilweise tiefen wassergefüllten Löchern. Ein kleiner Hotchkiss Cargo Panzer ist da voll abgesoffen und auch MTWs waren stellenweise gefährdet. Vor einer Rückfahrt aus dem Gelände standen wir abmarschbereit auf der Betonpiste und unsere Fahrzeuge waren relativ sauber. Es wurde in meinem MTW plötzlich der Kommandant ausgetauscht. Ein Offizier einer anderen Einheit, welcher mal das Erlebnis haben wollte und sichtlich dem Ereignis entgegenfieberte.
Wie zu erwarten war, befahl er uns natürlich, die Schlammpiste zu benutzen. Das bedeutete aufwändige Reinigung des MTW in der Waschanlage. Wir waren eine verschworene Gruppe und uns immer einig: Er sollte das besondere Erlebnis bekommen. Wir boten 2 (frei erfundene) Arten der Beförderung an und er wollte natürlich die harte Version. Wir hatten von so etwas wie Maximale Gefechts-Kampffahrt gefaselt. Und schon ging es mit Vollgas durch den Schlamm und ohne das Schwallbrett auszufahren. Schon beim ersten tiefen Loch kam eine massive Schlammfontäne wie eine Wand über den ganzen MTW gerauscht. Bei kleinerer Fahrt wären wir wohl auch steckengeblieben und die Stöße von unten waren enorm. Bei Fahrtende nahm ich mir die Schutzbrille ab und drehte mich zum Kommandaten um. Mußte mir auf die Lippen beißen, um nicht zu lachen. Er war genau wie alle anderen Beteiligten auch, mit einer durchgehenden Schlammkruste überzogen und war unfähig, noch irgend etwas zu sagen. Verließ schwankend das Fahrzeug und hatte (genau wie wir auch) etliche blaue Flecken davongetragen. Im Fahrzeug stand die Pampe knöcheltief und Schlammspritzer überall. Egal, das war es wert gewesen.

Bei einer ähnlichen Gefälligkeitsfahrt hatte der mir zugeteilte Kommandant mangelhafte Kenntnisse über die Kommandos bezüglich Fahrtrichtung und deren Änderung. Geradeaus war 12 Uhr und das blieb auch 12 Uhr nach einer Richtungsänderung. Weil nicht bekannt, führte ich nun gemäß Befehl die tollsten Manöver aus, es war wie im Kettenkarussel. Wir erteilten dem Vorgesetzten eine kurze Nachschulung und sind dann noch nett herumgefahren.
Wir hörten auch von einer Gefälligkeitsfahrt bei der ein Offizier einer anderen Nato-Einheit als Fahrer eines MTW zugelassen wurde. Der soll dann, so wurde erzählt, mit dem MTW in einen nicht allzu tiefen Steinbruch oder ähnliches Gelände geplumst sein. Es soll aber niemdand ernsthaft verletzt worden sein. 

Im Verlauf einer Gefechtsübung wurden wir mit unserem MTW von der Truppe getrennt. Für diesen Fall war befohlen, selbstständig alleine weiter zu operieren. Das haben wir sehr wörtlich ausgelegt und sind hin- und hergefahren und hatten viel Spaß. Dorfbewohner haben uns mit Kartoffeln, Speck und Eiern versorgt und es war wie im Urlaub. Abends haben wir in einer Neubausiedlung Stellung bezogen und im Dunkeln rückwärts (ohne Einweiser) den MTW positioniert. Die Heckklappe wurde betätigt aber stoppte mit einem metallischen Geräusch. Des Rätsels Lösung : Direkt hinter dem MTW stand ein hoher rotlackierter Hydrant. Bei einem weiteren zurücksetzen des MTW hätten wir den Hydranten auf sicher aus der Verankerung gehebelt. Glück gehabt! Die Kampfhandlungen fanden bei dieser Übung auf großer Fläche statt und in ländlicher Umgebung mit vielen Dörfern. Es gab da sehr viele abseits stehende alte Scheunen und Ställe die oft durch Kampfpanzer beschädigt wurden. Die Bauern waren gar nicht böse, sondern bekamen freudige Gesichter und verteilten Speckseiten und Eier. Es fuhr da ein VW-Transporter herum und die Manöverschäden wurden anscheinend zur Zufriedenheit der Geschädigten kulant geregelt. In einem Dorf sah ich, wie ein Kampfpanzer scharf nach links lenkte wobei das Heck mächtig ausscherte. Die Kette riss einen Bordstein komplett aus der Erde. Das Ding flog über den schmalen Bürgersteig über einen nicht allzu hohen Zaun. Habe bei dieser Gelegenheit erstmalig gesehen, wie tief so ein Bordstein (Kantstein) in der Erde steckt.
Am nächsten Tag ging uns ziemlich früh der Treibstoff aus. Aufgeteilt in Spähtrupps verschwand die Gruppe um entweder den bösen Feind oder alternativ die eigene Truppe zu finden. Mein Freund Günther, unser Kradmelder kam vorbei. Er besorgte 2 volle Kanister Treibstoff, jedoch war der faltbare Trichter nicht auffindbar. Aber wir sind ja nicht doof, und so wurde der Treibstoff über die Panzerfaust eingefüllt. Das ging optimal und wir haben uns dann die letzte vorhandene Zigarette brüderlich geteilt. Eine filterlose Gauloises wurde mit einer Rasierklinge zerteilt. (Eine Geschichte die wir uns gegenseitig später immer wieder erzählt haben) Gefunden hat uns dann die Mutter der Kompanie. Der Spieß unterwegs in einem Unimog voller Waren, hatte uns schon vermisst. Wir hatten wieder Nikotin & Getränke,die Einsatzverpflegung im Karton haben wir dankend abgelehnt, wir hatten noch die besseren Sachen. Die Nato-Kekse (genannt Panzerplatten) wurden ohnehin nur im äußersten Notfall verzehrt. Es gab auch kleine Dosen mit Wurst in dem Paket. Außen auf der Dose klangvolle Namen wie : Bierwurst – Schinkenwurst – Jagdwurst u.a., jedoch war oft der gleiche undefinierbare Inhalt drin. Kein Vergleich zu dem Qualitäts-Aufschnitt in der Bismarck-Kaserne. Eines war aber sicher : Stand auf der Dose Rotwurst, dann war auch Rotwurst drin – So blind konnte in der Fleischfabrik ja kein Abfüller sein.

Nach einer Übung wurden wir vor der Verladung zu einer bestimmten Uhrzeit mit den MTWs zur Waschanlage befohlen. Auf dem Weg dorthin bemerkten wir ein Schild und eine Querstraße. Auf dem Schild ein Richtungspfeil und das Wort Panzer-Übungsgelände und wie hypnotisiert bogen wir ab. Ein Traum ! Achterbahn-ähnliche Hügel und Täler, schmale Hohlwege rauf und runter und viel Schlamm, wir vergaßen Zeit und Raum. Unser Schirrmeister holte uns in die Realität zurück. Auf der Suche nach uns hatte auch er dieses Schild bemerkt und den sogenannten Aha-Effekt im Kopf bekommen. Die Reinigung der MTWs fand dann in neuer Bestzeit statt.

Leider kam es bei den vielen Übungen auch zu bedauerlichen Unfällen. Meist waren diese durch grobe Fahrlässigkeit und/oder durch den Genuß von Alkohol selbst verschuldet. Kradfahrer waren bei schlechten Witterungsbedingungen erheblich gefährdet und bei der Verladung von Kettenfahrzeugen auf die Wagen der Bundesbahn war besondere Vorsicht geboten. Einer unserer MTW-Fahrer prallte mit seinem Fahrzeug in einem Hohlweg seitlich auf einen großen und bewachsenen Baumstumpf auf, den man optisch nicht wahrnehmen konnte. Er verlor dabei fast alle Zähne plus Beschädigung am Kiefer. Wurde von dem Kameraden als positiv bewertet. Seine echten Beißerchen waren nicht gerade die Besten und er verbrachte sehr viel (Frei)zeit in der Uni-Klinik in Hamburg und bekam kostenlos ein schneeweißes Hollywood-Gebiss. 

Bei einem Unfall im Gelände wurde durch Fahrlässigkeit aller Beteiligten ein Kamerad von einem MTW überollt. Da der Erdboden weich war, blieb es bei einem Beckenbruch.

Nach einem Sturz mit dem Krad schlidderte mein Kamerad Günther eine erhebliche Stecke flach wie eine Flunder liegend über den Straßenbelag. Er blieb völlig unverletzt. Die Lederhandschuhe waren abgeschürft und auf seinem Koppelschloss fehlte der Bundesadler und der Text. Noch abgeschürfter war der Holzschaft seiner UZI Maschinenpistole auf den er beim Sturz zufällig zu liegen kam. Von dem Schulterstück der Waffe war fast nichts mehr übrig geblieben und die Metallteile waren auch angeschliffen. Das Teil wurde viel bestaunt.

Bei uns in der Kompanie kam es einmal auch nach einer Übung zu einem schweren Unfall. Wir kamen nach einer langen Übung und anschließendem Aufenthalt im Lager Kohlenbissen an einem Freitag endlich wieder zurück in die Kaserne. Gerade um Unfälle bei der Heimfahrt zu vermeiden wurde angeordnet, die Nacht noch in der Kaserne zu verbringen. Urlaubsbeginn ab 06:00 Uhr Samstag früh. Es fiel einer der Kameraden morgens ganz früh aus dem Fenster seiner Stube in der 3. (oder 4.) Etage und überlebte zum Glück, wenn auch sehr schwer verletzt. Freitod-Absichten schieden aus. Es war vielmehr so, dass der Kamerad schlaftrunken wohl der Meinung war, sich noch im Lager Kohlenbissen zu befinden. Er schwang sich also (wie dort praktiziert) aus dem vermeintlichen Fenster einer ebenerdigen Baracke.


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