Mitgliederversammlung ERH Wentorf

von sku (Kommentare: 0)

Da OTL Behr gerade aus Afghanistan heimgekehrt ist, gab er den Mitgliedern einen kleinen Einblick in die Probleme der Soldaten vor Ort, ihre wenige Anerkennung in der Heimat und ihre Ängste und Folgen des Einsatzes am Hindukusch wieder. Der wesentliche Inhalt der Reise findet sich ein einem Artikel auf der Webseite des Deutschen BundeswehVerbandes, der im folgenden zitiert wiedergegeben wird.

 

Vom Krieg gezeichnete Gesichter

Tod, Verwundung und psychische Leiden bestimmen den Alltag vieler Einsatzsoldaten in Afghanistan. Nach dem Anschlag und den Kämpfen vom 18. Februar herrschen überall in den Lagern noch tiefe Trauer und Betroffenheit. Manche Kameraden – vor allem diejenigen, die den Kampf außerhalb der Lager führen oder begleiten müssen – spüren auch Zorn und Wut, die sie nicht verstecken möchten.

Wir sind endgültig angekommen in der „Generation Krieg“. Keine Geschichten mehr von unseren Vätern oder Großvätern – heute erzählen nur wenige Generale den jungen Soldaten, wie der Krieg ist. Es sind die Mannschaftsdienstgrade, Unteroffiziere, Feldwebel und zumeist junge Offiziere, die heute den Älteren berichten, wie es im Gefecht war und ob sie die Inhalte ihrer einsatzvorbereitenden Ausbildung benötigt haben. Steuern wir womöglich geradewegs in einen Generationenkonflikt hinein?

In der Zeit des Kontingentwechsels und nach der Devise eines alten Generalinspekteurs – „Probleme werden einem nicht zugetragen, sondern man holt sie sich ab“ – reiste eine Delegation mit dem stellvertretenden Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Bruno Kasdorf, dem General der Artillerie, Brigadegeneral Heribert Hupka, einem Referenten aus dem zuständigen Referat des Führungsstabs des Heeres, Oberstleutnant i.G. Michael Lanzinger und dem Vorsitzenden Heer im Deutschen BundeswehrVerband, Oberstleutnant Thomas Behr, zu den Einsatzkräften in Afghanistan.

Generalleutnant Kasdorf wusste, welche Ziele er ansteuern wollte, denn er kennt sich aus im Kriegsgebiet. Er gehört zu den einsatzerfahrensten Generalen der Bundeswehr. Noch vor kurzer Zeit war er Stellvertreter von General Stanley A. McChrystal und, nach dessen Ablösung, von General David H. Petraeus. Generalleutnant Kasdorf wollte vor allem mit vielen Soldaten vor Ort sprechen und sich nicht „betreuen“ lassen. Aufgenommen wurde er vom neuen Kommandeur des AC North, Generalmajor Markus Kneip, der im Heimatdienst Kommandeur der 1. Panzerdivision ist.

Zeitgleich traf eine weitere Delegation mit der Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses, MdB Susanne Kastner, ein. Beide Delegationen hatten unabhängige Wege, die sich aber mehrmals kreuzten. Nach einem kurzen „Boxenstopp“ in Masar e-Sharif mit Lageeinweisung und Gesprächen in den Gefechtsständen ging es mit amerikanischen Black Hawks (NH 90 und Tiger des Bundeswehr sind auch in diesem Jahr noch nicht im Einsatz) zügig ins PRT Kundus. Auch hier hatte der Vorsitzende Heer Gelegenheit, mit Ansprechpartnern des Verbandes wie bereits zuvor in Masar e-Sharif ein Update zur sozialen Lage durchzuführen.

Dort herrscht spürbare Konzentration vor dem nahenden Frühling, in dem die Kämpfe jährlich an Intensität gewinnen. Es gibt aber auch viel Ärger über die Versorgung mit Marketenderwaren und über die teilweise immer noch unzureichende persönliche Ausrüstung. So wurde etwa von mangelnder Verfügbarkeit richtiger Größen bei den Schutzwesten, von fehlenden Klettverschlüssen anstelle von Metallknöpfen an den Feldblusen zum Schutz des Körpers unter der Weste bei Beschuss, aber auch vom ungeeigneten Fahrzeug Eagle für unsere beweglichen Arzttrupps berichtet. Besonders ins Auge fiel, dass die meisten Soldaten ihren Gehörschutz mittlerweile für rund zehn Euro von den Norwegern erwerben. Der dienstliche gelieferte Gehörschutz sollte zeitnah einem Vergleich unterzogen werden.

In der Nacht wurde noch mit Hubschraubern zum OP North verlegt, einer Task Force, die in der Nähe der Stadt Pol e-Khomri in der Provinz Baghlan liegt. Dies ist jener Ort, an dem vor kurzem bei einem Anschlag eines so genannten Partners der Afghanischen Nationalarmee (ANA) drei unserer Kameraden gefallen sind.

An jedem Ort – auch in Masar e Sharif – sind die Einschränkungen des Einsatzes zu spüren: vollkommen unzulängliche Internetverbindungen, keine Privatsphäre, Sieben-Tage-Woche, oftmals 20 Arbeitsstunden und mehr pro Tag, Alkoholverbot, keine Kontingenturlaube sind nur einige wenige Punkte, die den Soldaten bitter aufstoßen. Aber der OP North ist noch weit mehr als das: permanente hohe Gefährdung, ständiger Dienst außerhalb des Lagers, schweres Gelände, Zeltunterkunft, keinerlei Betreuungseinrichtung und die ständige EPA-Verpflegung prägen den Alltag. Zudem liegt die nächtliche Sicherheit hier genauso in den Händen der Afghanen wie in der der NATO-Soldaten.


Für eine angemessene Verpflegung fehlt es zurzeit beispielsweise noch an Konvektomaten (Heißluftöfen) oder an der regelmäßigen Zufuhr von frischen Backwaren und Obst. Der AVG-Anteil von 3,60 Euro pro Tag und Soldat wird allerdings unbeeinflusst von der Qualität – egal ob Frühstücksbuffet oder EPA – für alle gleich mit dem Verpflegungsgeld gegengerechnet. Nach vielen Monaten des Gefechtsbetriebs im OP North sollten hier alle Anstrengungen unternommen werden, um eine Vergleichbarkeit der Qualität der Verpflegung zu erreichen. Selbst an deutschen Tankstellen sind heute die Möglichkeiten gegeben, Brötchen aufzubacken. Beeindruckt war die gesamte Delegation von dem Klima, das untereinander im OP herrschte.

Auch die Ausstattung mit modernen Fahrzeugen, auf die die Heeresleitung im letzten Jahr besonders gedrängt hat, war – bis auf einige Einschränkungen bei der Pionier-Kompanie – im OP North befriedigend. Ebenso wurde die Einsatzvorausbildung von den Soldaten gelobt, und der Divisionskommandeur, Generalmajor Kneip, scheint auch bei den Mannschaftsdienstgraden persönlich gut bekannt zu sein.

Die Delegation blieb noch am nächsten Tag, bevor es zu Stationen im Camp Spann der US-Armee und zum 209. ANA-Korps aufbrach, um sich auch hier ein umfassendes Lagebild zu verschaffen. Die letzte Station der Reise führte die Gruppe des stellvertretenden Inspekteurs und auch die der Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses zurück nach Masar e-Sharif. Hier waren erneut viele Begegnungen mit den „alten“ und „neuen“ Kontingenten vorgesehen. Generalleutnant Kasdorf stellte hier – wie in allen anderen Gesprächsrunden – heraus, dass er eine hohe Wertschätzung gegenüber den erbrachten Leistungen empfinde und forderte zur Diskussion ohne Tabuthemen auf. In den Gesprächen haben die meisten Kameraden tiefen Respekt vor denen bekundet, die ständig ihren Dienst außerhalb der Lager verrichten müssen.

Viele Gesichter waren gezeichnet vom Kriegserlebnis. Viele haben Kameraden in diesem Land verloren und werden Zeit benötigen, Erlebnisse zu verarbeiten und neuen Optimismus zu finden. Viele Menschen verlassen Afghanistan und sind nicht mehr die, die sie vorher waren. Thomas Behr

    Die Veröffentlichung erfolgt in Rücksprache mit OTL Behr. Vielen Dank dafür!

 



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