Papa ist im Krieg

von sku (Kommentare: 0)

Verpasste Kindergeburtstage, lange Trennung, Angst vor Anschlägen - in der Beratungsstelle finden Familien Hilfe. Von Miriam Opresnik

Als Jan Hermann Göddecke (heute 5) das erste Mal ""Papa"" sagte, war sein Vater nicht da. Er war nicht da, als Jan krabbeln lernte, seine ersten Schritte machte und zum ersten Mal auf dem Dreirad saß. Er war weg, um in der Ferne ""Frieden zu machen"". Das hat Jans große Schwester Laura ihm erklärt. Sie ist acht Jahre alt und ""schon groß"". Sie weiß, was los ist. Sie weiß, dass ihr Vater anderen Menschen hilft und deswegen immer wieder von Zu hause wegmuss. Immer dann, wenn er seine grünen Sachen aus dem Schrank holt, in denen er aussieht wie ein Busch, ist es wieder so weit. Dann geht er weg und kommt lange Zeit nicht zurück. Noch nicht einmal, wenn Laura Geburtstag hat.

Als Laura vier Jahre alt wurde, war ihr Vater nicht da. Er war nicht da, als sie sechs wurde, sieben. Er war nicht da, als sie die Windpocken hatte und erfahren hat, dass sie in der Schule sitzen bleibt. Er war bei der Arbeit. So wie andere Väter auch. Nur mit dem Unterschied, dass er im Ausland arbeitet und deswegen abends nicht nach Hause kommen kann, weil er zu weit weg ist. Das hat Lauras Mutter Marion ihr erklärt. Sie ist 27 Jahre alt und weiß, dass ihr Lebensgefährte, Oberfeldwebel Sven Jedamzik, als Bundeswehrsoldat verpflichtet ist, sich zu Auslandseinsätzen heranziehen zu lassen. Immer dann, wenn er so ein bedrücktes Gesicht macht, ist es wieder so weit. Dann hat er einen neuen Einsatzbefehl bekommen und muss weg. Wieder einmal. Als Marion Göddecke einen Meniskusriss hatte, war Sven nicht da. Er war nicht da, als sie operiert wurde, auf Krücken nach Hause humpelte und sich um die Kinder kümmern musste. Aber es waren andere da. Andere Soldaten. Andere Soldatenfrauen. Menschen, die wissen, wie es ist. Wie es ist, wenn der Partner im Ausland eingesetzt wird. In Afghanistan, im Kosovo. Im Krisengebiet. Kriegsgebiet. Sie wissen, wie es ist, Angst zu haben, allein zu sein. In den Nachrichten von Anschlägen zu hören, von Verletzten. Toten.

Sie wissen, wie das ist. Die Frauen, Männer, Kinder und Eltern von Soldaten. Und die Bundeswehr. Auch sie weiß es. Dass Soldaten im Ausland nur dann voll einsatzfähig sind, wenn sie die Familien zu Hause betreut wissen. Aus diesem Grund hat die Bundeswehr im Zuge des Somalia-Einsatzes Betreuungsangebote für Angehörige von Soldaten im Auslandseinsatz geschaffen.

Es ist 1992. Es ist das Jahr, in dem Ex-Bundeskanzler Willy Brandt stirbt, Bill Clinton 42. Präsident der USA wird und der Krieg auf dem Balkan die Welt erschüttert. Es ist das Jahr, in dem es nach dem Bürgerkrieg in Somalia zu einer Hungersnot kommt und die Bundesregierung ein umfassendes Hilfspaket für das afrikanische Land beschließt. Was als Luftbrücke beginnt, wird Monate später zum ersten militärischen Einsatz der Bundeswehr außerhalb des Bündnisgebiets der Nato. Es ist 1993.

Es ist das Jahr, in dem ein junger Zeitsoldat in Hamburg sein Studium an der Bundeswehruniversität beendet und über die Zukunft nachdenkt. Die ersten Impfungen für Somalia hat er bereits erhalten, doch zu einem Einsatz kommt es damals nicht. Erst sechs Jahre später wird Thomas Groeters das erste Mal zu einem Auslandseinsatz befohlen. Heute, fast zehn Jahre später, sind Auslandseinsätze für ihn alltäglich. Heute ist Oberstleutnant Thomas Groeters Kommandeur des Spezialpionierbataillons 164 in Husum - eine von bundesweit zwei Spezialeinheiten, die für den Bau von Feldlagern und Tankanlagen bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr zuständig sind. Mehr als ein Dutzend Lager weltweit werden von Thomas Groeters und seiner Einheit betreut, bis zu 220 Soldaten aus Husum sind regelmäßig im Einsatz, rund zehn Prozent davon sind Frauen.

Bundesweit sind derzeit rund 6800 Soldaten im Ausland stationiert - und knapp 20 000 daheimgebliebene Angehörige betroffen. Frauen, Kinder, Eltern. Männer. Einige von ihnen sind zum ersten Mal alleine, andere zum wiederholten Male. So wie Marion Göddecke. Seit jenem lauen Maiabend, als sie Sven Jedamzik kennengelernt hat, war er fast jedes Jahr im Ausland stationiert. Für sein Vaterland und die Völkergemeinschaft. Sagt man. Für die Familie. Sagt Marion Göddecke. Sie weiß, dass Sven durch die Bundeswehr aus der Arbeitslosigkeit gekommen ist und einen sicheren Job hat. Sicher und doch so unsicher. Weil er den Job zwar nicht verlieren kann. Aber sein Leben. ""Weil jederzeit was passieren kann"", sagt Marion Göddecke. Zu jeder Tageszeit, in jeder Stunde, jedem Moment. Morgens, wenn sie Jan und Laura Frühstück macht. Mittags, wenn sie mit ihnen auf dem Spielplatz ist. Und abends, wenn sie den Kindern eine Geschichte vorliest, im Bett liegt - und sich Gedanken macht. Gedanken, wie es Sven geht. Tagsüber kann sie sich ablenken und lässt sich nichts anmerken. Der Kinder wegen. Aber abends, wenn sie zur Ruhe kommt und alleine ist, sieht sie manchmal Bilder von zerstörten Bundeswehrfahrzeugen und getöteten Soldaten. So, wie man sie im Fernsehen sieht.

Früher, sagt sie, habe sie nicht so viel Angst gehabt. Früher sei es nicht so schwer gewesen. Das sei mit jedem Einsatz schlimmer geworden. Weil die Kinder größer werden und mehr unter der Situation leiden. Weil die Familie mehr zusammengewachsen ist und eine Trennung jedes Mal schwerer wird. Und weil die Einsätze immer länger dauern. Vier bis sechs Monate. Früher waren es nur zwei. Früher, als Sven Jedamzik das erste Mal in den Kosovo gesandt wurde.

Es ist das Jahr 2003. Es ist das Jahr, in dem die Raumfähre Columbia beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre auseinander bricht und die USA den Irak-Krieg beginnen. Es ist das Jahr, in dem bei einem Anschlag auf die Bundeswehr in Afghanistan vier Soldaten getötet und 29 verletzt werden. Es ist das Jahr, in dem in Husum die Familienberatungsstelle gegründet wird. Es soll eine Anlaufstelle für die Angehörigen von Soldaten im Auslandseinsatz sein. Ein Bindeglied zwischen dort und hier, zwischen der Ferne und der Heimat. Doch das FBSt, so die Abkürzung, ist mehr als eine Dienststelle. Es ist ein Schutzraum. Für Ehefrauen und Männer, für Kinder und Eltern. Für Menschen, die getrennt sind, aber nicht alleine sein wollen. Für Menschen, die Hilfe bei Problemen brauchen oder einfach jemanden zum Zuhören suchen. Jemanden, der weiß, wie es ist. Wie es ist, wenn man plötzlich getrennt ist und allein die Verantwortung trägt. Wie es ist, wenn man den anderen monatelang nicht sieht und oft noch nicht einmal offen mit ihm sprechen, telefonieren kann. Weil man Angst haben muss, abgehört zu werden - und durch ein unbedachtes Wort die Truppe in Gefahr zu bringen. Denn wer am Telefon sensible Informationen preisgibt und beispielsweise einen Standort verrät, erhöht das Risiko eines Anschlags. Das sagt man in den  Familienbetreuungsstellen den Angehörigen.

Es sind Angehörige wie Marion Göddecke, die ihrem Sven fast jeden Abend E-Mails schreibt. Angehörige wie Cornelia Wolle-Zimmermann (37), die mit einer Webcam Kontakt zu ihrem Mann hält, wenn er im Auslandseinsatz ist. Weil es für die Kinder wichtig ist, ihren Vater zu sehen. Damit sie merken, dass es ihm gut geht. Denn für die Kinder ist die Situation viel bedrohlicher als für die Frauen, Männer, Eltern. Weil sie die Lage nicht einschätzen können. Weil sie im Fernsehen Bilder sehen, die sie nicht verarbeiten können. Weil sie Sachen von anderen Kindern hören, die sie nicht verstehen können. Sachen wie: ""Dein Papa ist im Krieg.""

Das Problem kennt Marion Göddecke, das Problem kennt Cornelia Wolle-Zimmermann. Um so wichtiger sei es, dass die Kinder mit zur Familienbetreuung kommen. Und zwar nicht erst, wenn die Väter und Mütter im Einsatzland sind, sondern schon vorher. Damit sie Kontakte zu Gleichgesinnten bekommen. Damit sie merken, dass keine Exoten sind. Dass sie nicht alleine sind. Weder die Kinder noch die Erwachsenen. ""Draußen versteht mich und meine Probleme niemand, hier schon"", sagt Marion Göddecke. Draußen, das ist für sie die Welt außerhalb der Bundeswehr. Eine Welt, die wenig Verständnis für die Sorgen und Ängste für Soldatenfrauen hat, sie oft alleine lässt. Eine Welt, in der Frauen wie Marion Göddecke zu hören bekommen: ""Beklag dich nicht. Schließlich bekommt ihr doch mehr Geld, wenn dein Mann im Ausland ist."" Jetzt gerade ist Sven Jedamzik wieder weg, diesmal im Kosovo.

Es ist das Jahr 2008. Es ist das Jahr, in dem der Zyklon ""Nargis"" über Burma hinwegzieht und 138 000 Menschen tötet. Es ist das Jahr der Olympischen Spiele und der Finanzkrise. Und es ist das Jahr, in dem die Auslandseinsätze der Bundeswehr ausgeweitet werden. Das Einsatzgebiet wird größer. Und gefährlicher.

Wenn Jan und Laura in diesem Jahr Silvester feiern, ist ihr Vater nicht da. Er ist nicht da, wenn sie um Mitternacht Wunderkerzen anzünden und Konfetti werfen. Aber er ist bald wieder da. Das können Jan und Laura auf dem Kalender sehen, den ihr Vater ihnen geschickt hat. Jeden Abend streichen sie einen Tag durch. 100 sind schon weg. 34 fehlen noch.

erschienen am 27. Dezember 2008 auf abendblatt.de

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