Tiere statt Truppen: Die Wandlung des Höltigbaums

von sku (Kommentare: 0)

Ein durchdringender Bass schallt durch die Luft. Junge Menschen tanzen wie in Trance zu monotoner Musik. Ganz in der Nähe heulen Motoren auf - Autoliebhaber treten in aufgemotzten Karossen gegeneinander an. Szenen von Technopartys und Autorennen spielten sich vor nicht allzu langer Zeit in der idyllischen Hügellandschaft von Höltigbaum ab. Bis der ehemalige Standortübungsplatz der Bundeswehr vor zehn Jahren unter Naturschutz gestellt wurde.Seitdem hat sich viel getan: Das 558 Hektar große Gebiet, das zu etwa gleichen Teilen im Nordosten Hamburgs und in Schleswig-Holstein liegt, hat sich zu einer Art Vorzeigemodell in Sachen Naturschutz entwickelt. Denn in Höltigbaum - und auch im angrenzendem Stellmoorer Tunneltal (siehe Beistück) - wird der mitunter schwierige Gegensatz zwischen Naturschutz und Naherholung offensiv angegangen: Eine abgezäunte Hundefreilaufzone bietet Vierbeinern Auslauf auf sieben Hektar, bevor sie im übrigen Gebiet angeleint werden. In der Nähe der Infostation Höltigbaum gibt es eine Freizeitfläche, auf der Besucher picknicken, spielen oder sich ausruhen können, ohne geschützte Lebewesen zu stören. Die langen Betonwege, über die mehr als vierzig Jahre lang Panzer rollten, eignen sich zum Fahrradfahren. Das wirklich Besondere ist jedoch die sogenannte ""halb offene Weidelandschaft"". Auf den Weiden, die von alten Baumbeständen umgeben sind (deshalb halb offen), ist ein ungewöhnliches Pflegeteam unterwegs: Hier leben ganzjährig Heidschnucken, Bentheimer Landschafe und Galloway-Rinder. ""Mithilfe der Tiere wollen wir Landschaftsbereiche wie Grünlandflächen oder Heiden erhalten"", sagt Projektleiterin Jutta Sandkühler. Denn: ""Die Rinder und Schafe ernähren sich im Winter - wenn das bevorzugte Gras nicht wächst - von Gestrüpp, Rinde oder Binsen."" Dadurch wird verhindert, dass Höltigbaum langfristig verwaldet.

Das Projekt ist das Ergebnis einer länderübergreifenden Zusammenarbeit: Die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, das Landesamt für Naturschutz Schleswig-Holstein, Bezirke, Kreise und Naturschutzverbände im Umland ziehen an einem Strang, zudem wird das Weide-projekt vom Bundesamt für Naturschutz gefördert. Um die Pflege beider Länderteile kümmert sich vor allem die Stiftung Naturschutz aus Schleswig-Holstein.

Dass Höltigbaum nicht ganz zum Wald wird, ist wichtig. Denn das weitläufige Gebiet bietet vielen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum: Neben dem gefährdeten Neuntöter, der von Mai bis November hier oft auf Zaunpfählen sitzend beobachtet werden kann, gibt es hier die größte Brutdichte der Feldlerche in ganz Hamburg. Auf den savannenartigen Grasfluren mit typischen Pflanzen wie Rot-Schwingel und Rot-Straußgras fühlt sich der Bodenbrüter wohl. Neben den Vogelrufen liegt an warmen Sommertagen noch etwas anderes in der Luft: Das eindringliche Zirpen von Heuschrecken-Männchen auf der Suche nach einer Partnerin. Oder das Summen von Sandbienen und Wegwespen, die ihre Nester in von Rindern losgetretenen Bodenkanten finden. Im feuchten Areal um den Oberlauf der Wandse tummeln sich Grasfrosch und Teichmolch. Höltigbaums sanfte Hügel und Senken bildeten sich bereits in der Eiszeit unter dem Druck großer Gletscher, die auf dem Hamburger Stadtgebiet lagen. Heute können Besucher hier hautnah Natur erleben: Zahlreiche Wanderwege führen durch das Gebiet, einige verlaufen sogar über eine Weidefläche mit Galloways und Schafen. ""Wir wollen Kindern und Erwachsenen ein emotionales Erlebnis in der Natur ermöglichen"", sagt Sandkühler. Deshalb bieten die Biologin und ihre Kolleginnen der Infostation Eichberg Führungen für Schüler, Familien und andere Interessierte an (www.sn-sh.de). ""Wir werden oft von Jungforschern gefragt , warum auf den Weiden nicht besser aufgeräumt wird"", erzählt Sandkühler schmunzelnd. Dass ein Kuhhaufen nicht nur Mist, sondern auch ein kleines Biotop für verschiedenste Insekten ist, muss man ja auch erst einmal entdecken. --------------------- Der ehemalige Standortübungsplatz HÖLTIGBAUM gehörte einst zur Panzergrenadierbrigade 17, wurde aber auch von Wentorfer und Elmenhorster Truppenteilen genutzt. Heute ist das Gelände unter Naturschutz gestellt. Der Text enstammt dem Hamburger Abendblatt, das in einer Serie die Hamburger Naturschutzgebiete vorstellt.

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