Unterwegs in Niedersachsen und Schleswig Holstein

von sku (Kommentare: 0)

Nach einer langen Übung mit anschließender Fortsetzung in der Heide wurden wir für kurze Zeit im Lager Kohlenbissen untergebracht in Bungalows vom Typ Baracke. Nach all den Nächten im Gelände war das zuerst ungewohnt, wieder in festen Häusern zu schlafen. In einer Kaserne durften wir endlich auch mal wieder warm duschen. Am Himmelfahrtstag war abends Freizeit & Bier erlaubt, es lief auch ein wichtiges Fußballspiel im Fernsehen. Wir haben uns dann alkoholisiert etwas unbeliebt gemacht (wie üblich) und ich hatte ein privates Gespräch mit dem Schirrmeister geführt. Der meinte dann auch, ich solle mich wohl besser ins Bett begeben. Auf dem langen Flur der Baracke gingen rechts die Zimmer ab und ein Zimmer war der Stirnseite des Flures. Ich habe einen Feuerlöscher aus der Halterung entnommen und betriebsbereit gemacht. In einer Hand den Löscher und in der anderen Hand das Blechrohr bin ich den Flur runtergelaufen. Die Tür habe ich ohne anzuklopfen gleich mit dem Stiefel aufgestoßen und nach dem lauten Ruf >Gas-Alarm< habe ich den Löscher betätigt. Diese (damals wohl neuartigen) Löscher bewirkten einen Entzug der Atemluft in dem Raum, das habe ich so genau nicht gewusst. Jedenfalls kam aus der Blechröhre eine weiße Wolke und die Sicht war sofort eingeschränkt. Einige der Kameraden sprangen aus den geöffneten Fenstern und andere setzten sich tatsächlich im Halbschlaf die Gasmaske auf. Einige wenige tappten jedoch hustend und keuchend im Kreis herum. Dieser Vorfall hatte für mich weiter keine Folgen, alle Beteiligten wurden genau befragt. Die Angelegenheit wurde als Praktische Sonderübung mit starkem Realitätsgrad bewertet, zumal ich ja auch Gas-Alarm gegeben hatte. Die Reaktion der Kameraden zeugte von einem hohen Niveau der Ausbildung. Leichter Tadel an die Kameraden, die sich verkehrt verhalten hatten, weil die ja im Ernstfall ausgefallen wären. Ich musste nur die neue Befüllung des Löschers bezahlen durch Abzug vom Wehrsold.

Interessant war auch ein Besuch bei einer Pionier-Einheit am Plöner See. Generell waren Teffen oder kurze Lehrgänge bei den Pionieren immer sehr interessant. In einem Fall haben wir gelernt mit einem großen Schlauchboot herum zu paddeln. Das sah leicht aus, war aber in der Praxis anstrengend und gewöhnungsbedürftig. In einem anderen Fall sind wir in einem flachen langen Kahn aus Aluminium über die Elbe gebracht worden. Das Boot hatte einen sehr starken Außenbordmotor und die Nummer hatte einen echten Spaßfaktor.

Vor Beginn des Schleswig-Holstein-Marsches im September 1968 waren wir mit der 4. Kompanie 7 Tage in Puttlos. Täglich sind wir zu den Schießbahnen marschiert, das hielt uns in Form für den späteren langen Marsch zurück nach Wentorf.

Auch hier in Puttlos einige markante Erlebnisse gehabt :

Ein Tag Lehrgang zum Thema Sprengung. Unterweisung erfolgte durch Pioniere und wir lernten, wie man Sprengpakete anfertigt und an Bunkern anbringt und zündet. Wir erhielten Kenntnis über den Gebrauch der Sprengschnur und der Zündkapseln. Diese wurden wie rohe Eier behandelt weil die laut Aufdruck auf der Verpackung nachweislich Restposten aus Beständen der alten Wehrmacht waren. Das hat uns verblüfft genauso wie die uns dann vorgestellte formbare Sprengmasse. Aus kleinen Mengen dieser Masse haben wir dann diverse Formen angefertigt und z.B. Stücke von massiven Eisenbahnschienen glatt getrennt. Das war beeindruckend, aber als Höhepunkt folgte eine Show-Einlage der Pioniere. Ein großer Findling wurde angebohrt und in das Bohrloch wurde eine kleine Kugel der Sprengmasse und Sprengschnur eingeführt. Nachdem das Loch verdämmt war, mussten wir uns entfernen und die Sprengkapsel mit Zündschnur wurde gesetzt. Aus großer Entfernung durften wir dann beobachten, wie dieser große Stein durch diese geringe Menge Sprengstoff zerlegt wurde. Es gab einige Leichtverletzte, weil selbst auf diese große Entfernung noch kleinere und größere Steintrümmer wie Regen vom Himmel fielen. Unsere Helme hatten wir nicht auf, hatte niemand befohlen.

Die Kompanie auf einer Schießbahn. Einige Kameraden und ich in der Anzeigendeckung beim Abkleben der Mannscheiben. Wir hörten summende Geräusche in unmittelbarer Nähe, die für uns vorerst unerklärlich waren. Die Erleuchtung kam dann sehr schnell als in die Deckung aus seitlicher Richtung Projektile einschlugen. Wir lagen sofort flach und haben (erst dann) unsere Helme aufgesetzt. Telefonisch haben wir Meldung erstattet, wobei zuerst natürlich angenommen wurde, das dies wieder ein kleiner Scherz von uns war. Wir versicherten, dass wir echt unter Feuer lagen und alles wurde bei uns gestoppt. Es kamen noch weitere Geschosse und irgenwann war dann Ruhe. Durch einen Irrtum in der Zeitplanung oder durch eine Verspätung wurde zeitgleich auf einer anderen Bahn geschossen. Diese Bahn lag wohl in einem bestimmten Winkel zu der von uns benutzten Bahn. Deren Fehlschüsse (zu hoch) landeten dann von links oben kommend bei uns in der Deckung. 

Bei einer Übung an der Küste, wo mit MGs vom MTW aus auf Luftziele geschossen wurde, konnte die 4.Kompanie eine sensationelle Trefferquote nachweisen.

Beim Scharfschießen mit der Panzerfaust Karl-Gustav (Schwedisches Fabrikat mit echtem Holzgriff) war rechts der Schießbahn die Küste und ein Campingplatz zu sehen. Dazwischen befand sich eine Reihe von Pappeln. Einer unserer Spaßvögel hat in die Pappel geschossen, die dem echten Ziel am Nächsten lag. Da war natürlich auch wieder Stress fällig, denn es wurde als beabsichtigter gezielter Schuss bewertet. So weit daneben konnte man schon wegen der aufgesetzten Zieloptik gar nicht schießen. Wir hatten ja bereits vorher unter Verwendung eines speziellen Adapters diese Waffe mit normaler Gewehrmunition erprobt, und dabei absolut genau getroffen. 


Der anschließende 100 Km Marsch war für mich quasi der Abschluss, denn das Ende des Wehrdienstes rückte in greifbare Nähe, für den Marsch gab es einige Tage Sonderurlaub. Mein Kamerad Rolli war wegen eines festgestellten Defektes am Hüftgelenk schon lange vorher von Gepäckmärschen befreit worden und wir bereiteten uns nun geistig auf das Ende vor. Dienstlich stand für uns beide nur noch die Vollzähligkeitsprüfung und Übergabe des MTW auf dem Plan.

Zum Thema Schleswig-Holstein und Niedersachsen noch einiges : 

Die Bundeswehr und ihre Soldaten waren bei der normalen Bevölkerung hoch angesehen. Dies wohl hauptsächlich durch den Einsatz bei der Hamburger Flutkatastrophe, der damals noch recht frisch in Erinnerung war. Wir haben dies auf den Fahrten während der Fahrausbildung und auf Märschen durch die Dörfer immer wieder so erlebt. Wir wurden überall freundlich behandelt, aber einmal lösten wir mit unserem Haufen auch Mitleid aus. Auf unseren Rückmärschen benutzten wir oft eine feste Route. Dabei kamen wir an einer Stelle immer auf einen unbefestigten Weg. Links waren kleine schmucklose Siedlungshäuser mit Vorgärten und rechts in einiger Enfernung eine sehr große Fläche die ausgehoben war. In diese riesige Grube wurde damals der Müll entladen. Wir kamen also dort bei hohen Temparaturen vorbei und waren ziemlich erschöpft. Die Gruppe hatte wie üblich alles dabei inkl. MG-Lafette und Drahtrollen. Verstaubt, verschwitzt und verdreckt in den optisch nicht besonders schönen Klamotten trotteten wir dahin. Unsere Gesichter rußgeschwärzt zur Tarnung (Wurde hergestellt aus verbranntem Klopapier & Spucke) und schweigend passierten wir einen Garten, in dem eine alte Frau mit Schürze und Kopftuch stand. Sie blickte mit großen Augen auf den breitschultrigen MG-Schützen, welcher das MG quer über beide Schultern gelegt hatte. Dann sagte sie mit deutlich ostpreußischem Akzent : Gottchen, Gottchen, die armen Jungens. Jetzt geht das schon wieder los.

Auch dies eine Begebenheit, die man nie vergessen kann.

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