Vor der Landung lauert ein Notfall

von sku (Kommentare: 0)

Schleswig – Der modernste Flugsimulator der Luftwaffe steht in Jagel. Auf dem Fliegerhorst des Aufklärungsgeschwaders 51 „Immelmann“ trainieren seit einigen Tagen die Besatzungen der Kampfjets vom Typ Tornado Einsätze und Notfälle. Etwa sieben Millionen Euro kostete die Anlage, die in einer knapp acht Meter messenden Kugel aus Kunststoff untergebracht ist. Wenn Gerd König an seine Zeit als Pilot bei den Marinefliegern zurückdenkt, muss er grinsen. Als er seine Ausbildung erhielt, bedeutete Flugsimulation eher Trockenübung mit Modelllandschaften auf flimmernden Fernsehmonitoren. Allenfalls das Cockpit entsprach dem Original. „Und das alles mit einem Sichtfeld von höchstens 30 Grad“, erinnert sich der Ausbilder. Das ist jetzt vorbei. Wenn der 60-Jährige heute Piloten ins Cockpit des neuen Simulators in Jagel führt, dann erwartet die Flugzeugbesatzungen ein Sichtfeld von 300 Grad (horizontal) und 120 Grad (vertikal). Und nicht nur das: Ein leichtes Rucken, ein Aufheulen der Triebwerke und wenig später rauscht die alte Zuckerfabrik von Schleswig am Cockpit vorbei. Der Unterschied zum echten Flugzeug ist nur noch beim „Angstgefühl“ zu spüren, sagt Ausbilder König. Die Landschaft Schleswig-Holsteins wurde digitalisiert und mitsamt Eider, Schlei und Nord-Ostsee-Kanal abgebildet. Die Besatzungen können dann auch das üben, „was sie über Schleswig-Holstein in Friedenszeiten nie dürften“, sagt König, während er die Maschine auf unter 100 Meter Flughöhe entlang der A215 nach Kiel steuert. Trainiert werden dann Notsituationen. „Bei uns endet jeder Flug mit einem Notfall“, sagt König und lächelt. Vom Kontrollraum werden den Piloten Notfälle ins Szenario eingespielt. Der Verlust von Hydrauliköl, ein Triebwerksausfall oder Probleme mit der Steuerung lauern auf die Crews. Gebaut wurde der neue Simulator von der ARGE Sichtsystem, an der die deutsche Firma Rheinmetall Defence sowie die kanadische Firma CAE beteiligt waren. Herzstück des Modells ist modernste Lasertechnik des Avior-Systems. Mit 14 Projektoren und neun Laserquellen wird in die um das Cockpit gebaute kugelrunde Domwand eine täuschend echt aussehende Umwelt mit hoher Auflösung projektiert. „Das ist das modernste System, das es zurzeit gibt“, sagt Werner Wirbel, technischer Leiter der Anlage in Jagel. Fast ein halbes Jahr dauerte der Ausbau des 1982 eingeweihten alten Simulators und der Aufbau der neuen Anlage – ein System, das auch die Lufthansa für ihre Piloten nutzt. Anders als bei der Lufthansa habe man bei dem Luftwaffen-Simulator in Jagel jedoch das Spektrum deutlich erweitert. „Immerhin muss ein Tornado im Gegensatz zum Jumbo wechselnde Außenlasten tragen und auch eine Rolle oder ein Looping fliegen können. Das kommt bei einem Passagierflugzeug eigentlich nicht vor“, wie Wirbel erklärt. Durch die Laser-Technik und die ausgefeilte Projektortechnik wurde auch der sonst übliche Aufbau des Simulators auf einer schwenkbaren Bühne überflüssig. Das Gefühl für die Flugbewegungen bekommt die Besatzung über das Auge, da die Projektoren ein Sichtfeld von 300 mal 120 Grad abdecken. Wolken und Horizont sind dabei auch rundum sichtbar, und der Körper reagiert wie im echten Flugzeug. Zwei bis drei Missionen pro Tag werden in dem Simulator trainiert. Das ist auch ein Beitrag zur Reduzierung der Flüge mit den echten Flugzeugen über dem Land. Bei den Flügen im Simulator begegnet den Piloten und Waffensystemoffizieren über Schleswig-Holstein auch schon mal das neue Transportflugzeug „Airbus A400M“, das im Original noch gar nicht fliegt. König: „Wir sind unserer Zeit eben etwas voraus.“

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